Trainingslager für gesellschaftliche Gleichberechtigung

Kaum zu glauben, dass noch vor 40 Jahren der Frauenfußball beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Tabu galt.

2007 werden die deutschen Fußballfrauen zum zweiten Mal Weltmeisterinnen. Foto: picture-alliance
2007 werden die deutschen Fußballfrauen zum zweiten Mal Weltmeisterinnen. Foto: picture-alliance

Bis 1970 mussten die Kickerinnen warten, bis ihnen die offizielle Erlaubnis zum Spiel gegeben wurde. Begründet wurde die ablehnende Haltung gegenüber der neuen Sportart unter anderem mit dem Argument, beim Kampf um den Ball würde die weibliche Anmut verloren gehen.

Noch nicht einmal 20 Jahre ist es her, dass Biathletinnen ihren olympischen Einstand gaben. Erst 1992 bei den Winterspielen in Albertville soll das gewesen sein? Ob dieser sehr jungen Erfolgsgeschichte wird sich so mancher Fan der deutschen Weltklasse-Biathletinnen um Magdalena Neuner verwundert die Augen reiben.

Bei einer Diskussions-Runde unter anderem mit Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann, der WM-Dritten im Hochsprung Ariane Friedrich und Fußball-Weltmeisterin Nia Künzer unter dem Titel „Leistung, Geld, Anerkennung – Was macht Frauensport erfolgreich?“ in der vorigen Woche wurden im Foyer des Hessischen Rundfunks nicht zuletzt historische Dimensionen berührt. Auch beim Hinweis darauf, dass bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen das weibliche Element komplett fehlte und 2008 bei den Sommerspielen in Peking etwa 45 Prozent aller Aktiven ausmachte. Das Publikum bei der vom Frauenreferat der Stadt Frankfurt initiierten Veranstaltung durfte gleich mehrfach innehalten, um die Entwicklungen des Frauensports in der Neuzeit zu ermessen. Im Laufe eines Jahrhunderts und erst recht in den vergangenen Jahrzehnten haben die Frauen auf sportlichem Terrain einen Siegeszug angetreten, der hinsichtlich seiner Tragweite und gesellschaftlichen Bedeutung mit den revolutionären Entwicklungen in Wissenschaft und Technik verglichen wird.

„Das Ziel lautet, Sport für alle und Sport mit allen“

„Und die Zukunft des Sports wird noch weiblicher“, sagte Ilse Ridder-Melchers. Die DOSB-Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung spielte damit sowohl auf die Impulse an, die von der unmittelbar bevorstehenden Fußball-WM der Frauen in Deutschland vom 26. Juni bis 17. Juli ausgehen können, als auch auf das Credo des Deutschen Olympischen Sportbundes als Dachorganisation des deutschen Sports. Es gehe um nicht mehr und nicht weniger als „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichstellung von Frauen und Männern“ und um die „Sicherung der Chancengleichheit“, sagte Ilse Ridder-Melchers und verwies damit auf zwei elementare programmatische Ansprüche, die DOSB-Präsident Thomas Bach sogar „zur Chefsache“ erklärt habe.

Beispielsweise habe das Jahr 2009 unter dem Motto „Jahr der Frauen im Sport“ gestanden. Die damit verbundenen Ziele, noch mehr Mädchen und Frauen für das sportliche Leben zu gewinnen – ob als Mitglieder in den Sportvereinen, als ehrenamtliche Helfer und Übungsleiter oder für Führungspositionen -, sei nach wie vor aktuell. „Das steht natürlich weiter auf der Tagesordnung. Das Ziel lautet; Sport für alle und Sport mit allen“, betonte die frühere nordrhein-westfälische Ministerin für Gleichstellung und bezeichnete den Sport als „Trainingslager für gesellschaftliche Gleichberechtigung“.

Vertieft werden soll das Thema bei der nächsten DOSB-Frauenvollversammlung vom 16. bis 18. September in Stuttgart, die unter der Überschrift „Frauen, Sport und Medien – zwischen Machtstrukturen und Marktmechanismen“ steht. „Wir erwarten dort spannende Diskussionen“, sagte Ilse Ridder-Melchers.

Anhand zahlreicher Fakten und statistischen Materials führte sie aus, wie nahe im Frauensport Anspruch und Wirklichkeit schon beieinander sind oder zu Beginn des dritten Jahrtausends  noch immer auseinanderklaffen. Unter dem Dach des DOSB sind aktuell rund 10 Millionen Frauen und Mädchen organisiert, das sind etwa 40 Prozent der Gesamtmitglieder. In den 50er Jahren waten es zirka 330.000 oder nur rund 10 Prozent. Während bei den jungen Mädchen immerhin zwei Drittel einem Verein angehörten, seien die größten Zuwachsraten aktuell vornehmlich im Zuge der neuen Angebote im Gesundheitssport in der Altersklasse der über 60-Jährigen zu verzeichnen.

Nach Mitgliederzahlen nimmt der Deutsche Turner-Bund (DTB) mit rund 3,5 Millionen weiblichen Mitgliedern den Spitzenplatz ein, gefolgt vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit mehr als einer Million und einer Verdopplung in den vergangenen 15 Jahren, sowie dem Deutschen Tennis-Bund (DTB), der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FR), dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und dem Deutschen Schwimmverband (DSV).

Im Trainerberuf ist das weibliche Moment nur mit 13 Prozent vertreten

Ernüchternd, so Ridder-Melchers, falle die Zwischenbilanz mit Blick auf die Trainerinnen im Leistungsport aus. Deren Anteil beträgt lediglich 13 Prozent, die zudem noch schlechter entlohnt werden als die 87 Prozent ihrer männlichen Kollegen. Monatlich bekämen die Frauen im Trainerberuf im durchschnittlich etwa 1.000 Euro weniger Gehalt.

Ein Zustand, der Ridder-Melchers zufolge an „traditionelle Rollenbilder“ in der Gesellschaft erinnere und im Zuge der „Traineroffensive“ des DOSB verbessert werden soll. Dazu gehöre ebenfalls, das Bild des Trainerberufes positiver zu gestalten und gezielter als bisher Frauen und Athletinnen anzusprechen und als Personal zu gewinnen.

Dasselbe gelte für Frauen in Führungspositionen bei den Verbänden und Vereinen. Während das Verhältnis zwischen männlich und weiblich bei den gewählten Mitgliedern des DOSB-Präsidiums mit 50:50 sehr erfreulich ausfalle, „werden Verbände und Vereine in der Regel von Männern geführt“.

Dies zu ändern, setzte voraus, die weibliche Dreifachbelastung von Familie, Beruf und Ehrenamt besser zu koordinieren. Potentielle Kandidatinnen für Führungspositionen im Sport sollten unter anderem verstärkt durch Mentorinnen auf ihrem Weg begleitet werden.

Weit freundlicher gestaltet sich die Situation bei Übungsleitern und nachgeordneten Funktionen in den Vorständen der Vereine. Hier seien insgesamt 25 Prozent aller ehrenamtlichen Stellen weiblich besetzt. Auffällig hoch sei der Anteil der Übungsleiterinnen bei den vielfältigen Angeboten in Sachen Gesundheitssport. In diesem Bereich würden bundesweit vier Mal so viele Frauen wie Männer die Kurse leiten, was die hohe Affinität der Frauen insbesondere zum Gesundheitssport illustriere.

Sympathien für die Fußball-WM der Frauen und einige Befürchtungen

In der anschließenden Diskussion wurde der Bogen immer wieder zur Weltmeisterschaft im Frauen-Fußball und den damit verbundenen Erwartungen für den Sport in seiner femininen Ausprägung geschlagen. „Diese WM wird als Ereignis den Frauensport in Deutschland weiter voranbringen“, zeigte sich Fechterin Britta Heidemann überzeugt. „Es wird sicher viele Mädchen geben, die diese Spiele sehen und dann gern selber Fußball spielen wollen oder in anderer Weise zum Sport finden.“ Für Nia Künzer sind mit Blick auf die Entwicklungen im Frauenfußball nicht die WM-Tage an sich die entscheidenden. „Der Knackpunkt ist für mich, was wir anschließend aus der Euphorie machen.“ Ähnlich hatte sich in den Medien zuvor schon Nationalmannschafts-Managerin Doris Fitschen geäußert und die WM in Deutschland als „riesige Chance für den Frauen-Fußball“ bezeichnet, „um in der öffentlichen Wahrnehmung und als Sportart einen noch höheren Level zu erreichen“.

Ariane Friedrich betrachtet die WM zudem im Sinne des Emanzipatorischen im Sport als Möglichkeit, endgültig mit althergebrachten Vorstellungen aufzuräumen. Sie selber sei schon mit Vorurteilen konfrontiert worden, dass „ein halber Junge“ sein müsse, wer als Mädchen oder junge Frau dem Fußball hinterher rennt. „Solche Klischees werden sicher aufgebrochen“, erklärte die Weltklasse-Hochspringerin und verhehlte nicht ihre Sympathie für die unüberhörbare mediale Begleitmusik im Vorfeld der WM. Eine solche Einstimmung auf ein sportliches Großereignis im eigenen Lande hätte sie sich in ähnlicher Weise seinerzeit für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 in Berlin gewünscht.

Bei aller Sympathie für die deutschen Fußballerinnen, die bei ihrem „Heimspiel“ den dritten WM-Titel in Folge anstreben, äußerten die beiden prominenten Athletinnen auf dem Podium auch Befürchtungen, der Fußball als geballte männlich-weibliche Macht könnte in der öffentlichen Wahrnehmung künftig die olympischen Sporten und deren Protagonisten noch weiter ins Abseits drängen. Man gebe zum Beispiel Millionensummen für die Übertragung von bedeutungslosen Länderspielen der Fußballer aus, während die Leichtathletik stiefmütterlich behandelt werde, so Ariane Friedrich in Richtung der beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten. Ihre Kritik machte sie an den Übertragungsrechten für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in diesem Jahr in Südkorea fest. Ein Fernsehvertrag mit ARD und ZDF sei erst aufgrund einer Petition und Interventionen von Seiten der Athleten zustande gekommen. „Ein bisher einmaliger Vorgang.“

Auch Britta Heidemann fände es gut, wenn sich der Fokus der Medien nicht noch mehr verengt. „Es gibt viele tolle Athleten, die nicht die Möglichkeit bekommen, sich im Fernsehen zu präsentieren. Das finde ich schade.“ Die Frage, ob in der Berichterstattung die Sportlerinnen womöglich unterbelichtet und zu Gunsten der männlichen Akteure in diskriminierender Weise vernachlässigt würden, beantwortete die Peking-Olympiasiegerin schlagend: „Die mediale Wahrnehmung trennt meines Erachtens weniger nach Männern und Frauen als nach Sportarten.“

(Autor: Andreas Müller)


  • 2007 werden die deutschen Fußballfrauen zum zweiten Mal Weltmeisterinnen. Foto: picture-alliance
    2007 werden die deutschen Fußballfrauen zum zweiten Mal Weltmeisterinnen. Foto: picture-alliance