„Gemischte Führungsteams sind Gewinnerteams“

Ilse Ridder-Melchers, Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung des DOSB beantwortet im Interview Fragen zu den Frauensportaktionswochen und erklärt, warum Frauen dem Sport gut tun.

 

DOSB-Vizepräsidentin Ilse Ridder-Melchers
DOSB-Vizepräsidentin Ilse Ridder-Melchers

DOSB PRESSE: Sie haben in der vergangenen Woche mit der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt in Berlin die Frauensportaktionswochen 2008 eröffnet. Welche  Ziele verfolgen Sie mit diesen Aktionswochen?

RIDDER-MELCHERS: Sport bietet Frauen, ob jung oder alt, aus allen Kulturen und sozialen Schichten und mit ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die Chance, sich gesund und fit zu erhalten. Im Sport können Frauen Vertrauen in die eigene Leistungs- und Durchsetzungskraft entwickeln und ihr Selbstbewusstsein stärken. Mit den Aktionswochen wollen wir noch mehr Frauen und Mädchen erreichen, und unsere Sportvereine können zeigen, welche vielfältigen Angebote sie heute bereithalten. Mit der Pubertät verlassen viele junge Mädchen, anders als die Jungen, die Sportvereine. Das muss nicht sein. Wir haben gerade diese Zielgruppen im Blick, die wir z. Zt. nicht in vollem Umfang erreichen, die jungen Mädchen und Frauen, junge Mütter, aber auch Benachteiligte oder Frauen, die eine besondere Ansprache brauchen, wie z.B. Migrantinnen. Wir freuen uns, dass die Bundesgesundheits-ministerin in diesem Jahr die Aktion unterstützt und ihre 3.000 Schritte-Initiative mit einbringt. 

DOSB PRESSE: Wie können Vereine den Sport für Frauen attraktiver machen? Was können die Frauensportwochen da bewirken?

RIDDER-MELCHERS: Mit den Frauensportaktionswochen 2008 greifen wir die Sportmotive vieler Frauen auf. Sie suchen  Entspannung, Stressausgleich, sie wollen etwas für ihre Gesundheit und Fitness tun. Das Gemeinschaftserlebnis ist wichtig. Der Sportverein wird in dem Maße für Frauen attraktiver, in dem er diese Motive berücksichtigt. Und: das Sportangebot und die Verpackung müssen stimmen. Da ist eine öffentliche Verkehrsanbindung ebenso wichtig wie der gut beleu-chtete Parkplatz und  natürlich saubere Umkleiden bzw. Duschen. Frauen suchen sich „ihre“ Sportarten, die mit dem Beruf und den  familiären Aufgaben am besten vereinbar sind. Vereine müssen heute ihre Angebote familiengerecht gestalten, denn Frauen müssen Beruf, Familie und Freizeitgestaltung unter einen Hut bringen. Sportvereine sind klug beraten, flexibel darauf einzugehen.  

DOSB PRESSE: Warum das Motto „ Frauen tun dem Sport gut“?

RIDDER-MELCHERS: Viele Vereine machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Die Gewinnung von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Bindung von Mitgliedern stehen ganz oben an. Angesichts des demografischen Wandels nehmen diese Sorgen zu. Die Konkurrenz beim Werben um  neue Mitglieder nimmt zu. Hier soll das Motto Denkanstösse geben. Seht mal genau hin in eurem Verein und Verband. Wo sind die Frauen? Welche Angebote habt ihr für Mädchen und Frauen? Sind sie in der Vereins- und Verbandführung vertreten? Was müssen wir tun, um mehr Frauen und Mädchen zu gewinnen, und wie können wir sie an der Vereins- und Verbandsführung gleichberechtigt beteiligen? Erfahrungswerte zeigen, dass z.B.  bei solchen Aktionstagen rund 30 % der Teilnehmerinnen auf Dauer Angebote des Vereins wahrnehmen. Und es gibt viele Erfahrungen auch außerhalb des Sportes, dass dort, wo ernst gemacht wird, Frauen an den Führungsaufgaben zu beteiligen, die Erfolge nicht auf sich warten lassen. Gemischte Führungsteams sind Gewinnerteams. 

DOSB PRESSE: Wie sieht es denn aus bei der Verteilung von Führungsämtern im Sport? Hinkt  der Sport der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher?

RIDDER-MELCHERS: Leider. Und da ist es für mich kein Trost, dass es in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in den Medien auch noch nicht viel besser aussieht. Wenn die Führung der deutschen Sportverbände zusammenkommt, sitzen verschwindend wenige Frauen mit am Tisch – und dies, obwohl die Schar unserer ehrenamtlichen Frauen und erfolgreichen Spitzen-sportlerinnen, die ihre sportliche Karriere beenden, immer größer wird. Wir verspielen damit unsere Zukunftschancen. Mit unserer DOSB- Satzung verpflichten wir uns, die tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter zu fördern und zu sichern. Bei der Besetzung der Präsidien ist insgesamt wenig Entwicklung zu erkennen. Für mich ist es ärgerlich, wenn heute noch Präsidien neu gewählt werden, wo zwar alle möglichen Proporze bedacht werden, aber die Beteiligung von Frauen keine ausschlaggebende Rolle spielt. Lippenbekenntnisse helfen wenig. Da muss ein Umdenken stattfinden. 

DOSB PRESSE: Sie haben am Wochenende an der 60-Jahr-Feier der CDU Frauen-Union teilgenommen. Haben die Frauen in der Politik ähnliche Probleme?

RIDDER-MELCHERS: Zunächst einmal sind die Frauen der Frauen Union zu Recht stolz darauf, dass sie mit Angela Merkel die erste weibliche Bundeskanzlerin stellen. Und sie haben ein Quorum, das Frauen in der CDU ein Drittel aller Ämter und Mandate sichern soll. Frau Dr. Böhmer, Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Vorsitzende der CDU Frauen Union, hat aber deutlich gemacht, dass sie um einen entsprechenden Anteil an Frauen auf allen Ebenen kämpfen müssen -  trotz Quorum. Die Erfahrungen auch der Frauen in den anderen Parteien zeigen uns, das eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen nicht von allein kommt. Und für den Sport stellt sich für mich die Frage: wenn alle schönen Appelle nichts nutzen, muss dann nicht auch im Sport mit Quote oder Quorum dem Fortschritt Beine gemacht werden?  Die 40% weiblichen Mitglieder wollen die Zukunft des Sportes in den Verbänden und Vereinen mitgestalten - nicht nur an der Basis! 

DOSB PRESSE: In unserer Gesellschaft gibt es immer noch verschiedene Rollenklischees? Wie wirken die sich im Sport aus?

RIDDER-MELCHERS: Leider gibt es immer noch gesellschaftliche Rollenzuschreibungen und Erwartungen, was „typisch Frau“ und „typisch Mann“ ist. Aber diese Grenzen sind mächtig in Bewegung geraten. Ich behaupte, dass der Sport einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, diese traditionellen Schranken aufzubrechen. Frauen sind heute in fast allen Sportarten präsent und bringen selbstverständlich Spitzenleistungen. Seit den 70iger Jahren haben die Frauen die männlichste aller Bastionen, „König Fußball“, erstürmt. Für viele junge Mädchen sind die Fußballnationalspielerinnen große Vorbilder, und der Deutsche Fußball-Bund freut sich über diesen weiblichen Mitgliederzuwachs. Nach wie vor aber hat der Deutsche Turner-Bund die meisten Mädchen und Frauen organisiert: rund 3,5 Millionen betreiben dort Turnen, Gymnastik, Breiten- Freizeit- und Gesundheitssport und bestimmen mit über 70% Frauenanteil das Erscheinungsbild des Deutschen Turner-Bundes.


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