Transidentität und Intersexualität

Laut der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) leben etwa 60.000 bis 100.00 Trans* Personen in Deutschland.  Inter* Personen laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes 8000 bis 120.000. Mit der Änderung des Personenstandsrechts durch den Deutsche Bundestag kann seit Dezember 2018 im Geburtenregister eine dritte Gechlechtsoption eingetragen werden. Somit können Personen, die sich weder als weiblich noch als männlich kategorisieren entweder keine Angaben zum Geschlecht oder die Angabe „divers“ eintragen lassen.

Diese Zahlen und Beschlüsse zeigen die Wichtigkeit auf, sich mit dem Thema geschlechtlicher Uneindeutigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft, und somit auch im Sport, auseinandersetzen zu müssen.

Seit 2017 widmet sich der DOSB auf Initiative der dgti in einer internen Arbeitsgruppe dem Thema Transidentität und Intersexualität. Im ersten Ergebnis sind auf der Grundlage von Beratungen mit der dgti, dem Bundesverband Intersexueller Menschen sowie mit Vertreter*innen aus Wissenschaft und Recht, Informationen für den Sport aufbereitet und auf dieser Internetseite veröffentlicht.

Der DOSB trägt der Vielfalt menschlichen Daseins Rechnung und fördert aktiv die Akzeptanz von Inter*- und Trans* Personen im Sport. Immer häufiger gibt es Anfragen aus den Mitgliedsorganisationen, von Medienvertreter*innen sowie Vereinen rund um die Thematik.  Im Sport ist die Kategorisierung in „weiblich“ und „männlich“ allgegenwärtig und bestimmt – bis auf wenige Ausnahmen z.B. im Reitsport – das System des Leistungs- und Breitensports.

Diese Trennung ist grundsätzlich gerechtfertigt, weil die körperliche Leistungsfähigkeit sehr unterschiedlich ist. Öffentlichkeitswirksame Sachverhalte wie jener der Sportlerin Caster Semenya im Rahmen der Leichtathletik-WM 2009 haben jedoch deutlich gemacht, dass es aus rechtlichen aber auch ethisch-moralischen Gründen neue Regelungen und Haltungen für einen menschenwürdigen, diskriminierungsfreien und rechtssicheren Umgang mit Trans* und Inter*-Menschen geben muss. Zugleich macht der Fall Caster Semenya deutlich, dass es mindestens ebenso wichtig ist, die am Sport beteiligten Personen aufzuklären und somit das Bewusstsein und die Sensibilität für das Thema Trans* und Inter* im Sport zu erhöhen. Damit können unter anderem Bedenken und Vorbehalte derjenigen Sportler*innen, die diesen Konkurrent*innen gegenüberstehen, aus dem Weg geräumt werden.

Relevante Gesetze und juristische Entscheidungen

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist hier einzusehen. 

§1 AGG: „Ziel des Gesetzes Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.“

 

 

Das Transsexuellengesetz des Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz ist hier einzusehen. 

Auszug aus §1 TSG: „Die Vornamen einer Person sind auf ihren Antrag vom Gericht zu ändern, wenn sie sich auf Grund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben“

Auszug aus  § 5 TSG Offenbarungsverbot: "Ist die Entscheidung, durch welche die Vornamen des Antragstellers geändert werden, rechtskräftig, so dürfen die zur Zeit der Entscheidung geführten Vornamen ohne Zustimmung des Antragstellers nicht offenbart oder ausgeforscht werden, es sei denn, dass besondere Gründe des öffentlichen Interesses dies erfordern oder ein rechtliches Interesse glaubhaft gemacht wird."

Die Regelungen des IOC sind hier einsehbar: IOC Consensus Meeting on Sex Reassignment and Hyperandrogenism

Eine chirurgische-anatomische Geschlechtsumwandlung ist nicht mehr Bedingung für die Teilnahme am sportlichen Wettkampf in der jeweils anderen Geschlechterklasse.

Der/die Athlet*in muss einen Testosteronwert von unter 10 nmol/l ab mindestens einem Jahr vor dem ersten Wettkampf nachweisen.

Ab dem 1. November 2018 müssen drei Kriterien für die Zulassung in den Disziplinen von 400 m (einschließlich der Hürdenrennen) bis hin zu einer Meile (ca. 1600m) und in kombinierten Events wie Staffeln über diese Strecken erfüllt werden. Die Regeln werden für Sportler*innen gelten, die einen Testosteronwert von mehr als 5 nmol/l aufweisen.

Leichtathlet*innen, die künftig bei internationalen Wettkämpfen antreten oder einen Weltrekord erzielen wollen, müssen:

  • vom Gericht als weiblich oder intersexuell (oder äquivalent) anerkannt sein
  • ihren Blut-Testosteron-Spiegel über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten auf unter 5 nmol/l senken (etwa durch Verwendung von hormonellen Kontrazeptiva)
  • und diesen danach kontinuierlich unter dem Richtwert halten 

"Als internationale Föderation haben wir die Verantwortung, gleiche Bedingungen für Sportler zu gewährleisten. Wie viele andere Sportarten haben wir uns entschieden, zwei Kategorien für unseren Wettbewerb zu haben - Herren- und Frauen-Events", sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe: "Das bedeutet, dass wir uns über die Wettbewerbskriterien für diese beiden Kategorien im Klaren sein müssen."

Die meisten Spitzen-Athletinnen hätten einen Testosteronspiegel von 0,12 bis 1,79 nmol/l im Blut, teilte die IAAF mit. Bei Männern läge der Wert nach der Pubertät im Bereich von 7,7 bis 29,4 nmol/l.

Belege und Daten der IAAF "zeigen, dass Testosteron, entweder natürlich produziert oder künstlich in den Körper eingeführt, signifikante Leistungsvorteile bei weiblichen Athleten bieten", sagte Coe, dem es wichtig war zu betonen, dass "kein hyperandrogener Sportler betrogen" oder "geschummelt" habe. Vielmehr gehe es "darum, das Spielfeld zu ebnen, um einen fairen und bedeutungsvollen Wettbewerb in der Leichtathletik zu gewährleisten, wo Erfolg durch Talent, Hingabe und harte Arbeit statt durch andere Faktoren bestimmt wird", sagte Coe.

Zuletzt hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS die Regel zum Hyperandrogenismus der IAAF ausgesetzt. Der Verband war aufgefordert worden, bis zum 19. Juni Nachbesserungen vorzustellen. Wegen der Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand hatte der CAS die IAAF aufgefordert, wissenschaftliche Beweise dafür zu liefern, dass hyperandrogene Athletinnen einen deutlichen Leistungsvorteil haben. Seitdem mussten Athletinnen wie Semenya ihr Testosteron-Niveau nicht künstlich senken.

Im Juli 2017 hatte die IAAF eine Studie veröffentlicht, die belegen soll, dass Frauen mit hohen Testosteron-Werten wie Semenya Vorteile im Bereich von 1,8 bis 4,5 Prozent in den Disziplinen 400 m, 400 m Hürden, 800 m, Hammerwurf und Stabhochsprung haben.

Quelle: SID 

Trans*DiversInter*
BreitensportAGG, TSGAGGAGG
LeistungssportRegeln des IOC, AGG, TSGkeine RegelungRegeln des IAAF/IOC


2009: Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin gewinnt die südamerikanische Leichtathletin Caster Semenya den 800 Meter-Lauf deutlich vor ihrer Konkurrenz. Nach der WM führte die Medizinische Kommission der IAAF, bestehend aus Gynäkolog*innen, Internist*innen, Endokrinolog*innen, Geschlechter-Expert*innen und Psycholog*innen, einen Geschlechtstest durch. Dies löst vor allem in Südafrika Empörung und Protest aus.

2010: Der Leichtathletik-Weltverband, International Association of Athletics Federations (IAAF) gibt bekannt, dass Semenya mit sofortiger Wirkung weiterhin bei den Frauen starten darf. 

2011: Die IAAF veröffentlicht für Olympia 2012 eine neue Regelung. Danach sind Athletinnen, deren körpereigenes Testosteron einen Wert von 10 nmol/l überschreitet, von Wettkämpfen ausgeschlossen bzw. müssen sich einer Hormontherapie unterziehen.

2015: Der Internationale Sportgerichtshof, Court of Arbitration for Sport (CAS),  hebt den wissenschaftlich umstrittenen Testosteron-Paragrafen der IAAF für 2 Jahre auf. Der Verband konnte nicht nachweisen, dass Testosteron als Indikator ausreicht, um jemanden als Mann oder Frau zu klassifizieren.

2016: Semenya gewinnt bei den Olympischen Spielen in Brasilien mit einer Weltklassezeit über 800 Meter ihre zweite olympische Goldmedaille.

2017: Semenya gewinnt bei der Weltmeisterschaft in London erneut eine Goldmedaille. Der CAS kündigte eine Neubewertung an.

2018: Am 1. November 2018 führt die IAAF erneut eine Testosteron-Grenze ein. Nach dieser Regel dürfen Frauen, die auf den Laufdistanzen 400 Meter bis eine Meile (ca. 1600m) international starten wollen, einen Grenzwert von 5 nmol/l körpereigenes Testosteron nicht überschreiten. 

Semenya und der südafrikanische Leichtathletik-Verband legen Einspruch gegen diese Regel der IAAF ein.

2019: Der Einspruch wurde vom CAS geprüft. Das CAS gab der IAAF Recht und wies den Einspruch Semenyas zurück (CAS Media Release). Das Gericht erkannte an, dass diese Praxis diskriminierend sei, hält sie aber „zugleich auch für notwendig, vernünftig und verhältnismäßig hinsichtlich der IAAF-Bemühungen, die Integrität der Frauen-Leichtathletik in bestimmten Disziplinen zu bewahren“ für Das Schweizer Bundesgericht bestätigte im Juli 2019, dass die Regel auf den Strecken zwischen 400 m und einer Meile bei den Frauen auch für Semenya Bestand habe.

(Quelle: ©SZ.de/schm/ebc)

Der DOSB positionierte sich nach Veröffentlichung des CAS-Urteils wie folgt:

Grundsätzlich ist es verständlich, dass der Leichtathletik-Weltverband IAAF Rechtssicherheit sucht für das Startrecht von Sportlerinnen mit von der Norm abweichenden Hormonspiegeln, die ggf. zu einem Wettbewerbungsvorteil führen können. Wie schwierig die Entscheidung des CAS war, ist daran abzulesen, dass die Richter*innen explizit darauf hinweisen, dass die Regel diskriminierend sei, aber argumentierten, dass sie notwendig sei, um die Chancengleichheit im Frauensport zu erhalten. Da das aktuelle Urteil des CAS explizit nur für wenige Lauf-Disziplinen in der Leichtathletik gilt, sind für die Zukunft wohl weitere Verfahren zu erwarten. Hier scheint eine von Sportart zu Sportart sehr differenzierte Betrachtungsweise notwendig.

Auch der DOSB denkt seit geraumer Zeit unter Einbeziehung der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) sowie des Bundesverbandes Intersexuelle Menschen über Möglichkeiten nach, sowohl Sportlerinnen wie Caster Semenya gerecht zu werden, zugleich aber auch anderen Sportlerinnen, die ihre Chancengleichheit nicht gewährleistet sehen. Hier gilt es auch, mit den jeweiligen Sportverbänden nach praktikablen und fairen Lösungen zu suchen.

(Ulrike Spitz, Pressesprecherin DOSB)

Die EuroGames 2020 als Praxisbeispiel für Vielfalt und Inklusivität im Sport

Das internationale Breitensport-Event wird vom 5. bis 9. August 2020 in Düsseldorf stattfinden. Zu Wettbewerben in mehr als 30 Sportarten werden rund 4.000 Sportbegeisterte aus ganz Europa erwartet.

Die EuroGames sind eine Veranstaltung der European Gay & Lesbian Sport Federation (EGLSF), der rund 100 schwul-lesbische Sportvereine aus zahlreichen europäischen Ländern angehören. Seit 1992 finden die Europameisterschaften der LSBT*-Sportler*innen in Jahren ohne Weltmeisterschaften (Gay Games oder Outgames) statt. Teilnehmen können regelmäßig alle Menschen, egal ob schwul, lesbisch, bi-, trans-, inter- oder heterosexuell, egal ob Freizeitsportler*innen oder Semiprofis.

Hier geht es zur Internetseite der EuroGames 2020 in Düsseldorf.

Das Organisationskomitee der EuroGames2020 erkennt an, dass die Begriffe Geschlecht (Gender) und Identität nicht das gleiche sein muss. Insbesondere die Personen, wo dies unterschiedlich ist oder mit einer Non-Binary Identität, sollten in die sportlichen Wettkämpfe integriert werden unter Berücksichtigung der Vermeidung von Diskriminierung und sportlicher Fairness. Es muss ein Gleichgewicht zwischen der freien Wahl der Zuordnung bei Wettkämpfen und den Regeln eines fairen Wettkampfs für alle gefunden werden.

Statt der traditionell binären Unterscheidung in männlich und weiblich wurden für die Eurogames alle Sportarten nach spezifischen Sportregularien oder anderweitigen Regeln klassifiziert und dabei in 4 Kategorien, statt der traditionell-binären Kategorien, unterteilt. 

Hier erfahren Sie mehr zur "Gender Policy" der Sportveranstaltung.

Beratungs- und Ansprechpersonen

Der DOSB befindet sich seit 2017 im regelmäßigen Austausch und in Beratung mit Organisationen mit entsprechender Fachexpertise wie der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) oder dem Bundesverband Intersexuelle Menschen.

Der DOSB ist bei der Befassung dieser Thematik auf Beratungen und Anregungen aus dem Sport  und außerhalb des Sports angewiesen. Leiten Sie daher Ihre Fragen, Anregungen sowie Praxisbeispiele gern an nachstehende Kontaktpersonen weiter.

Im DOSB:

Beratende Organisationen:

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