Transidentität und Intersexualität

Im November 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass bei standesamtlichen Einträgen neben "männlich" und "weiblich" ein dritter Geschlechtereintrag wie "anders" oder "divers" möglich sein muss, weil alles andere diskriminierend sei. Auch der organisierte Sport setzt sich seit einiger Zeit mit dem Thema geschlechtliche Uneindeutigkeit auseinander. Seit 2016 widmet sich der DOSB auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) in einer internen Arbeitsgruppe dem Thema Transidentität und Intersexualität. Im ersten Ergebnis sind auf der Grundlage von Beratungen mit der dgti und dem Bundesverband Intersexueller Menschen Informationen und Daten für den Sport aufbereitet und auf dieser Internetseite veröffentlicht.

Der DOSB trägt der Vielfalt menschlichen Daseins Rechnung und fördert aktiv die Akzeptanz von Intersexuellen und Transgendern im Sport. Immer häufiger gibt es einschlägige Anfragen aus den Mitgliedsorganisationen, von Medienvertreter/innen sowie Vereinen rund um die Thematik. An dieser Stelle sollen Informationen den Umgang  mit Transgendern und Intersexuellen im Sport erleichtern.  Im Sport ist die Kategorisierung in „weiblich“ und „männlich“ allgegenwärtig – ob bei Wettkampfklassen, Ligen – Bundesliga Frauen/Männer, Disziplinen, Meisterschaften – Weltmeisterschaften der Frauen/der Männer, Akkreditierungen – Anmeldesysteme für Wettkämpfe oder Veranstaltungen etc.. Die Einteilung in Sportlerinnen und Sportler bestimmt – bis auf wenige Ausnahmen z.B. im Reitsport – das System des Leistungs- und Breitensports.

Diese Trennung ist grundsätzlich gerechtfertigt, weil die körperliche Leistungsfähigkeit sehr unterschiedlich ist. In einigen Fällen gibt es Diskussionen, z.B. bei Frauen mit höherem Testosteronspiegel. Bereits öffentlichkeitswirksame Sachverhalte wie jener der Sportlerin Caster Semenya im Rahmen der Leichtathletik-WM 2009 haben deutlich gemacht, dass es aus rechtlichen aber auch ethisch-moralischen Gründen Regelungen und Haltungen braucht für einen menschenwürdigen, diskriminierungsfreien und rechtssicheren Umgang mit Trans* oder Inter*-Menschen. Zugleich macht dieser Fall (Caster Semenya) sehr deutlich, dass es mindestens ebenso wichtig ist, über Vor- und Nachteile aufzuklären, die Sportler/innen im Zuge eine Geschlechtsangleichung erfahren (z.B. durch erforderliche Hormonbehandlungen). Insbesondere die Bedenken/Vorbehalte derjenigen Sportler/innen, die diesen Konkurrent/innen gegenüberstehen, sind sensibel aufzunehmen und aufzuklären.

Das IOC hat sog. Transgender-Guidelines verabschiedet, danach sind u.a. die Mengen an Testosteron und die Dauer dieses Wertes im Körper der Trans*person ausschlaggebend für die Zuordnung Frau/Mann.

In seinen Ausführungen macht das BVerfG klar, dass die Regelungen des Personenstandsrechts nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind, da sie neben dem Eintrag „weiblich“ oder „männlich“ keine dritte Möglichkeit bieten, ein Geschlecht positiv eintragen zu lassen. Personen, die sich weder als weiblich noch als männlich kategorisieren, mithin nicht in das binäre Geschlechter-System einfügen lassen wollen, können ihren Anspruch künftig aus dem Schutz der Person insbesondere des allgemeinen Persönlichkeitsrechts (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) ableiten. Darüber hinaus sieht das BVerfG auch den Schutzbereich von Art. 3 Abs. 3 Satz 1 des Grundgesetztes betroffen. Dieser schützt auch Menschen vor Diskriminierungen, die sich nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen. Denn Zweck des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG ist es, Angehörige strukturell diskriminierungsgefährdeter Gruppen vor Benachteiligung zu schützen. Im weiteren Verfahren ist die Bundesregierung aufgefordert, entsprechende Regelungen zu erlassen, die den Umgang konkretisieren. Diese werden in 2019 erwartet. Bis dahin bestehen weder Rechte noch Pflichten. Gleichwohl gilt, sich bereits heute mit den Entwicklungen von morgen zu beschäftigen und dieser Verantwortung ist sich der DOSB bewusst.

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF regelt seinen Umgang mit hyperandrogenen Sportlerinnen wie 800-m-Olympiasiegerin und -Weltmeisterin Caster Semenya (27) neu. Ab dem 1. November 2018 müssen drei Kriterien für die Zulassung in den Disziplinen von 400 m (einschließlich der Hürdenrennen) bis hin zu einer Meile und in kombinierten Events wie Staffeln über diese Strecken erfüllt werden. Die Regeln werden für Sportlerinnen gelten, die einen Testosteronwert von fünf oder mehr Nanomol pro Liter (nmol/L) aufweisen.

Leichtathletinnen, die künftig bei internationalen Wettkämpfen antreten oder einen Weltrekord erzielen wollen, müssen vom Gericht als weiblich oder intersexuell (oder äquivalent) anerkannt sein, ihren Blut-Testosteron-Spiegel über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten auf unter fünf nmol/L senken (etwa durch Verwendung von hormonellen Kontrazeptiva) und diesen danach kontinuierlich unter dem Richtwert halten - solange sie an internationalen Wettkämpfen teilnehmen wollen.

"Als internationale Föderation haben wir die Verantwortung, gleiche Bedingungen für Sportler zu gewährleisten. Wie viele andere Sportarten haben wir uns entschieden, zwei Kategorien für unseren Wettbewerb zu haben - Herren- und Frauen-Events", sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe: "Das bedeutet, dass wir uns über die Wettbewerbskriterien für diese beiden Kategorien im Klaren sein müssen."

Die meisten Spitzen-Athletinnen hätten einen Testosteronspiegel von 0,12 bis 1,79 nmol/L im Blut, teilte die IAAF mit. Bei Männern läge der Wert nach der Pubertät im Bereich von 7,7 bis 29,4 nmol/L.

Belege und Daten der IAAF "zeigen, dass Testosteron, entweder natürlich produziert oder künstlich in den Körper eingeführt, signifikante Leistungsvorteile bei weiblichen Athleten bieten", sagte Coe, dem es wichtig war zu betonen, dass "kein hyperandrogener Sportler betrogen" oder "geschummelt" habe. Vielmehr gehe es "darum, das Spielfeld zu ebnen, um einen fairen und bedeutungsvollen Wettbewerb in der Leichtathletik zu gewährleisten, wo Erfolg durch Talent, Hingabe und harte Arbeit statt durch andere Faktoren bestimmt wird", sagte Coe.

Zuletzt hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS die Regel zum Hyperandrogenismus der IAAF ausgesetzt, der Verband war aufgefordert worden, bis zum 19. Juni Nachbesserungen vorzustellen. Wegen der Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand hatte der CAS die IAAF aufgefordert, wissenschaftliche Beweise dafür zu liefern, dass hyperandrogene Athletinnen einen deutlichen Leistungsvorteil haben. Seitdem mussten Athletinnen wie Semenya ihr Testosteron-Niveau nicht künstlich senken.

Im Juli 2017 hatte die IAAF eine Studie veröffentlicht, die belegen soll, dass Frauen mit hohen Testosteron-Werten wie Semenya Vorteile im Bereich von 1,8 bis 4,5 Prozent in den Disziplinen 400 m, 400 m Hürden, 800 m, Hammerwurf und Stabhochsprung haben.

Quelle: SID 

FAQ (Frequently Asked Questions)

Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat das Gericht entschieden, dass die Bundesregierung Normierungen erlassen muss, wie künftig mit der Kategorie „divers“ umzugehen ist. Bisher hat das Urteil keine Auswirkungen auf den Sport. Gleichwohl rüttelt es an den Grundfesten des Sports – am binären Geschlechter-System. Nach jetziger Einschätzung finden einzelne Akteure des Sports individuelle Lösungen und bieten bspw. die Abfrage nach w/m/d durchaus schon an so z.B. ein Veranstalter eines Städtelaufs. Eine allgemeine Regelung für die DOSB-Mitgliedsorganisationen gibt es derzeit nicht. Der DOSB ist darüber im intensiven Austausch mit externen Organisationen und Interessengruppen und wird zeitnah entsprechende Empfehlungen veröffentlichen. 

Wettkampforientierter Sport:

Das IOC hat sog. Transgender-Guidelines verabschiedet, siehe oben rechtliche Regelungen, danach sind u.a. die Mengen an Testosteron und die Dauer dieses Wertes im Körper der Trans*person ausschlaggebend für die Zuordnung Frau/Mann. 

Mit Blick auf die Zielgruppe der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden ist das allerdings nicht unbedingt hilfreich, da der Hormonspiegel Schwankungen unterliegt. Eine DOSB-Mitgliedsorganisation hat bspw. die individuelle Lösung gefunden, dass ein/e Arzt/Ärztin das Geschlecht attestierte, das für das 11jährige Kind das richtige war. Darauf beruhte am Ende die Starterlaubnis. Dieses Attest war zeitlich befristet.

In anderen Organisationen (außerhalb des Sports z.B. Universitäten) wird u.a. überlegt, den sog. Ergänzungsausweis zugrunde zu legen.

Dieser von der dgti entwickelte Ergänzungsausweis enthält alle selbstgewählten personenbezogenen Daten, sowie ein aktuelles Passfoto, so dass keine Diskrepanz zwischen den Papieren und der Person bestehen bleibt. Seine Dreisprachigkeit in Deutsch, Französisch und Englisch ermöglicht die Verwendung auf Reisen ins Ausland. Derzeit ist dieser Ergänzungsausweis die einzige standardisierte Form eines Ausweispapiers, das der besonderen Situation betroffener Menschen Rechnung trägt und dabei versucht, keine Segregation innerhalb von Trans*verordnungen vorzunehmen. Die Erfahrungsberichte zum Ergänzungsausweis zeigen sich positiv. Es entfällt der übliche Erklärungsbedarf mit den weit verbreiteten Irritationen. Ein QR-Code auf dem Ausweis, der zu einem Text auf der dgti-Website führt, sorgt dafür, dass Behörden und andere Institutionen über die Funktion des Ergänzungsausweises aufgeklärt werden, und erhöht damit die Praktikabilität. Je nach Bedarf kann der besagte Text auch ausgedruckt und mitgenommen werden. Der dgti-Ergänzungsausweis ist allen Innenministerien der Länder, dem Bundesministerium des Inneren, sowie verschiedenen anderen Behörden, Ministerien sowie verschiedenen Organisationen und Gesellschaften in Deutschland bekannt. Unter welchen Voraussetzungen der Ausweis zu erhalten ist, ist den weiteren Ausführungen zu entnehmen.

Grundsätzlich gilt, dass eine schlichte Nachfrage bei der betreffenden Person die größte Sicherheit verschafft. In Fällen, in denen das gerade nicht möglich ist, bieten sich Formulierungen an, wie: 

  • In Emails „Guten Tag Vor- und Zuname“ bzw. „Hallo Vor- und Zuname“
  • In Briefen „Sehr geehrte_r bzw. Sehr geehrte*r Vor und Zuname“
  • Im persönlichen Kontakt empfiehlt sich immer eine direkte Frage danach, wie die Person angesprochen werden möchte. 

In dem Zusammenhang ist zu beachten, dass mit Blick auf die Anerkennung und Akzeptanz intersexueller Personen auch eine entsprechende gendergerechte Schreibweise anzuwenden ist. Durchaus üblich sind mittlerweile Schreibweisen, die mit einem Unterstrich "_" bzw. mit einem Sternchen "*" das 3. Geschlecht darstellen, siehe obige Schreibweise.

 

 

 

  • Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht, am Verbandssport teilzunehmen.
  • „Diverse“ können den bestehenden Frauen-/Männerklassen nicht eindeutig zugeordnet werden.
  • Bisher gibt es keine klaren Regelungen - der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat eine neue Regel zum 1. November 2018 angekündigt
  • Derzeit ergeben sich mehrere Möglichkeiten:
    • Start in der Frauenklasse – ggf. mit Nachweis, dass die Leistungsfähigkeit eher der von Frauen entspricht?
    • Start in der Männerklasse - keine Benachteiligung für die konkurrierenden Sportler, aber ggf. für die intersexuellen Menschen
    • Klasse für das „Dritte Geschlecht“

  • Trans*Frauen sind nach den IOC-Richtlinien nur in der Frauenklasse startberechtigt, wenn sie die Auflagen zum Hormonhaushalt erfüllen – der Hormonstatus muss weiblich sein
  • Es gibt keine Belege, dass Männer sich als Trans*Frauen ausgeben, um in den Frauensport zu kommen – man kann nicht einfach als Frau antreten, weil man permanent als Frau leben muss
  • Trans*Frauen haben ggf. Vorteile, aber gleichzeitig Nachteile
  • Keine breiten wissenschaftlichen Untersuchungen vorhanden
  • Trans*-Männer haben ggf. Nachteile

In seinen Ausführungen macht das BVerfG klar, dass die Regelungen des Personenstandsrechts nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind, da sie neben dem Eintrag „weiblich“ oder „männlich“ keine dritte Möglichkeit bieten, ein Geschlecht positiv eintragen zu lassen. Personen, die sich weder als weiblich noch als männlich kategorisieren, mithin nicht in das binäre Geschlechter-System einfügen lassen wollen, können ihren Anspruch künftig aus dem Schutz der Person insbesondere des allgemeinen Persönlichkeitsrechts (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) ableiten. Darüber hinaus sieht das BVerfG auch den Schutzbereich von Art. 3 Abs. 3 Satz 1 des Grundgesetztes betroffen. Dieser schützt auch Menschen vor Diskriminierungen, die sich nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen. Denn Zweck des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG ist es, Angehörige strukturell diskriminierungsgefährdeter Gruppen vor Benachteiligung zu schützen. Im weiteren Verfahren ist die Bundesregierung aufgefordert, entsprechende Regelungen zu erlassen, die den Umgang konkretisieren. Diese werden in 2019 erwartet. Bis dahin bestehen weder Rechte noch Pflichten. Gleichwohl gilt, sich bereits heute mit den Entwicklungen von morgen zu beschäftigen und dieser Verantwortung ist sich der DOSB bewusst.

Weiterführende Informationen

Vorträge und Borschüren

Vortrag von Joanna Harper anlässlich der Konferenz der dgti im April 2017 Trans* in Frankfurt über Trans* im Sport. Joanna Harper arbeitet für das Providence Portland Medical Center und beriet u.a. das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei der Erstellung der sogenannten Transgender-Guidelines „Guidelines regarding Sex Reassignment and Hyperandrogenism“, die im November 2015 veröffentlicht wurden, siehe o.g. Rechtliche Regelungen.

Beratungs- und Ansprechpersonen

Der DOSB befindet sich seit 2017 im regelmäßigen Austausch und in Beratung mit Organisationen mit entsprechender Fachexpertise wie der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) oder dem Bundesverband Intersexuelle Menschen.

Der DOSB ist bei der Befassung dieser Thematik auf Beratungen und Anregungen aus dem Sport  und außerhalb des Sports angewiesen. Leiten Sie daher Ihre Fragen, Anregungen sowie Praxisbeispiele gern an nachstehende Kontaktpersonen weiter.

Im DOSB:

Beratende Organisationen:

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