Wider das Vergessen: Tennislegende Nelly Neppach

Der Sporthistoriker Dr. Henry Wahlig erinnert am Volkstrauertag in unserem zweiten Online-Sportlergedenken „Wider das Vergessen“ an die Berliner Tennisspielerin Nelly Neppach.

Nelly Neppach war die erste deutsche Tennisspielerin von internationalem Ruf. Zeichnung, undat. (1920er Jahre), von Emil Orlik (1870-1932), picture alliance / akg
Nelly Neppach war die erste deutsche Tennisspielerin von internationalem Ruf. Zeichnung, undat. (1920er Jahre), von Emil Orlik (1870-1932), picture alliance / akg

Hamburg-Rotherbaum, im August 1925. Im ersten offiziellen Finalspiel um die Deutsche Damen-Tennismeisterschaft stehen sich zwei echte Stars gegenüber: Sowohl die Wahlberlinerin Nelly Neppach wie die Frankfurterin Ilse Friedleben gehören zu diesem Zeitpunkt zu den erfolgreichsten und beliebtesten Sportlerinnen in Deutschland. Mit ihrer kampfbetonten Spielweise verkörpern beide ein neues Frauenbild und sind gern gesehene Turniergäste in ganz Europa. Damit zählen sie zu den ersten deutschen Frauen überhaupt, die im internationalen Sport für Furore sorgen und Vorreiter eines neuen, aufgeklärten Deutschlands in der Welt sind.

Unermessliche Zerstörungskraft des Antisemitismus - auch im Sport

Keine acht Jahre später ist Nelly Neppach tot und Ilse Friedleben auf der Flucht in die Schweiz, wo sie den Holocaust überlebt. Beide Spielerinnen gehören als Jüdinnen und prominente Sportlerinnen schon kurz nach dem Machtantritt der NSDAP zu den ersten Opfern der Rassenpolitik der neuen Machthaber. Vor allem der Lebensweg der Tennislegende Nelly Neppach ist aus heutiger Sicht ein dramatisches Beispiel für die unermessliche Zerstörungskraft des Antisemitismus, der sich auch im vermeintlich unpolitischen Sport schon lange vor 1933 ausbreitet.

Nelly Bamberger, wie sie mit Mädchennamen heißt, kommt am 16. September 1894 in Frankfurt am Main zur Welt. Bereits in ihrer frühen Jugend begeistert sie sich für Tennis – eine der ganz wenigen Sportarten, die in dieser Zeit auch für Frauen als ‚sittlich‘ gilt und auf Leistungsniveau gespielt werden darf. Mit 16 Jahren gewinnt sie ihr erstes Turnier. Nach dem Ersten Weltkrieg siedelt die Frankfurterin in die Hauptstadt über und startet fortan für Tennis Borussia Berlin, einem der damals leistungsstärksten Vereine im Land.

Hier katapultiert sich die Nachwuchshoffnung mit ihren gefürchteten Grundlinienschlägen und ihrer Unerschrockenheit in kurzer Zeit bis in die Spitzengruppe des deutschen Damentennis. Hinter der überragenden Ilse Friedleben bleibt für Neppach jedoch zunächst meist nur der zweite Platz. Erst im besagten Endspiel um die Deutsche Tennismeisterschaft 1925 ist ihr großer Moment gekommen: Nach einem hart umkämpften 3-Satz-Match (2:6, 6:4, 10:8) geht die damals 30-Jährige erstmals als Siegerin gegen Friedleben vom Platz. Mit dem Meistertitel übernimmt Neppach auch die Führung in der deutschen Tennisrangliste und steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

DTB droht Nelly Neppach mit Ausschluss vom Spielbetrieb

Dieser Gipfel wird jedoch zugleich auch zu einem Wendepunkt in Nelly Neppachs Leben: Nur wenige Monate später nimmt sie als eine der ersten deutschen Sportlerinnen nach dem Ersten Weltkrieg eine persönliche Einladung der französischen Weltklassespielerin Suzanne Lenglen zu den Riviera-Meisterschaften in Menton an der Cote d’Azur an. Neppach ahnt zunächst wohl nicht, welch politische Turbulenzen sie mit diesem Schritt lostritt. So droht ihr der reaktionär eingestellte Deutsche Tennis Bund (DTB) umgehend den Ausschluss vom Spielbetrieb an, da sie ohne offizielle Verbandsgenehmigung in das verhasste Nachbarland gereist sei. Als Neppach daraufhin von Nizza aus übermittelt, sie habe niemals zuvor „einen wärmeren Empfang bekommen als von den Franzosen“ und es seien ihre „eigenen Leute, die aus dem Hinterhalt auf mich schießen“, steigert sie die Wut der Funktionäre nochmals.

Nach einem weiteren Ultimatum des Verbandes erkennt Neppach den Ernst der Lage und reist vorzeitig nach Berlin zurück. Dieses Einlenken kommt jedoch zu spät: Kaum in der Heimat angekommen, erwartet sie ein vorläufiges Spielverbot des DTB. Die begleitende Pressemitteilung des Verbandes, die in vielen großen Zeitungen veröffentlicht wird, ist äußerst anklagend und von antisemitischen Tönen durchzogen. In ihr wird Neppach unter anderem vorgeworfen, sie habe sich mit einem „Netzwerk aus befreundeten Federn“ umgeben und ihren Meistertitel ausschließlich einem „Glückssieg“ zu verdanken. Der Verband zeigt damit, dass er die Selbstständigkeit und den Mut einer jungen Sportlerin, zumal einer Jüdin, automatisch als Folge verschwörerischer Umtriebe ansieht.

Tief getroffen von der Spielsperre

Neppach ist von dieser öffentlichen Anklage tief getroffen. So kann sie auch nach Aufhebung ihrer Spielsperre nicht mehr an ihre alte Leistungsstärke anknüpfen. 1927 steht sie letztmals im Finale um die Deutsche Hallenmeisterschaft, wo sie noch einmal ihrer langjährigen Dauerrivalin Ilse Friedleben unterliegt. Zu diesem Zeitpunkt sind jedoch beide Spielerinnen bereits nicht mehr auf der vollen Höhe ihres Leistungsniveaus. Mit Hilde Krahwinkel und Cilly Aussem rückt Ende der 1920er Jahre eine neue Generation weiblicher Tennisstars in die nationale und internationale Spitze vor.

Nelly Neppach verlegt sich in den folgenden Jahren vornehmlich auf das Doppelspiel, steht aber 1932 immerhin noch auf Rang neun der DTB-internen Einzelrangliste. Kurze Zeit später wird der seit langem auch im Sport latent spürbare Antisemitismus in Deutschland offizielle Politik: Bereits im April 1933 müssen unter dem Druck der neuen Machthaber die meisten jüdischen Mitglieder aus dem Verein Tennis Borussia austreten, wobei dieser faktische Ausschluss nach außen als freiwilliger Selbstaustritt dargestellt wird.

Jüdischen Mitgliedern verbietet DTB Teilnahme am Spielbetrieb

Auch der schon lange national eingestellte DTB muss in diesem Moment nicht mehr lange über das Schicksal seiner jüdischen Mitglieder nachdenken: Noch bevor irgendwelche Anordnungen der neuen NS-Regierung erlassen werden, beschließt der Verband am 24. April 1933 in vorauseilendem Gehorsam per Vorstandsbeschluss, dass Juden ab sofort die Teilnahme an repräsentativen Verbandsspielen verboten wird.

Nelly Neppach muss unter diesen Umständen erkennen, dass sie in Deutschland keine Möglichkeit mehr zur Fortsetzung ihrer Karriere hat. Sportlich isoliert und von Depressionen geplagt nimmt sie sich in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai in ihrer Berliner Wohnung mit einer Mischung aus Schlafmittel und Gas das Leben.

Nelly Neppach nimmt sich das Leben

Ob der Ausschluss aus ihrem Verein jedoch tatsächlich das entscheidende Motiv für ihren Freitod ist, muss aufgrund eines fehlenden Abschiedsbriefes offen bleiben. Einige Zeitungen spekulieren, Neppach habe sich das Leben genommen, um ihrem ‚arischen’ Mann – dem berühmten Filmproduzenten Robert Neppach – keine Schwierigkeiten zu bereiten. Viele Zeitungen gehen jedoch von einer direkten Verbindung zwischen dem erzwungenen Karriereende und dem Freitod aus. Sogar die berühmte New York Times widmet Neppach einen Nachruf.

Der Zeitschrift ‚Tennis und Golf‘, dem offiziellen Verbandsorgan des DTB, ist die Erinnerung an seine einstige Starspielerin hingegen nun nur noch einige Zeilen wert: Versteckt zwischen einem Bericht von den Bezirksmedenspielen in Kassel und einer Betrachtung über „Taktik und Strategie“ findet sich im Mai 1933 eine kurze Meldung, in der lapidar berichtet wird, Nelly Neppachs Leben habe ein „schnelles Ende“ genommen. Damit erweckt der Verband den Eindruck, als handele es sich in dieser Frage um ein Problem, das sich von selbst gelöst hat.

Auch nach dem Ende der NS-Herrschaft bleibt die einstige Weltklassespielerin im deutschen Sport zunächst lange vergessen. Erst zum 100-jährigen Jubiläum des DTB erscheint 2002 in einer Chronik eine erste, von Christian Eichler verfasste, Würdigung Neppachs. In den folgenden Jahren macht sich dann vor allem der Berliner Historiker Jan Buschbom, der das Vereinsarchiv von Tennis Borussia betreut, um die Wiederentdeckung der Lebensgeschichte Neppachs verdient. Im Sommer 2015 wird die Tennisspielerin als eine von 17 deutsch-jüdischen Sportstars in einer Freiluftausstellung vor dem Berliner Hauptbahnhof vorgestellt, wenige Wochen später wird auf Initiative der SPD-Senatsabgeordneten Franziska Becker ein Stolperstein vor ihrem Wohnhaus an der Prager Straße in Berlin-Wilmersdorf verlegt.

Über 70 Jahre nach Kriegsende hat Nelly Neppach damit heute wieder einen würdigen Platz im Gedächtnis des deutschen Sports gefunden. Die Erinnerung an viele andere deutsche Sportler jüdischen Glaubens, die bis 1933 zahllose nationale und internationale Titel für ihr deutsches Vaterland gewannen, bleibt hingegen bis heute vergessen.

(Autor: Henry Wahlig)


  • Nelly Neppach war die erste deutsche Tennisspielerin von internationalem Ruf. Zeichnung, undat. (1920er Jahre), von Emil Orlik (1870-1932), picture alliance / akg
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