Sportlehrerin als Animationskünstlerin für maulende Mädchen

Besonders Montage sind für Sandra Kipp nicht gerade erbaulich: Langsam tröpfeln aus der Umkleidekabine die Mädchen, schlurfen in die Halle und lassen sich erschöpft auf der Bank am Spielfeldrand nieder.

Viele Mädchen haben keine Lust auf Sportunterricht. Copyright: picture-alliance
Viele Mädchen haben keine Lust auf Sportunterricht. Copyright: picture-alliance

Da bleiben dann viele ihrer Schülerinnen während des Unterrichts auch sitzen - sie haben eine Entschuldigung, und der Sportunterricht findet ohne sie statt.

Alltag für die Sportlehrerin an einer Gesamtschule, die froh ist, „wenn wenigstens die Hälfte mitmacht und das ohne Rumgenöle, wie anstrengend das doch alles sei“. Ein besonderes Problem an ihrer Schule: Der hohe Migrantenanteil in den Klassen hat bei den Mädchen eine hohe „Sitzbankquote“ zur Folge, wie Sandra Kipp die Nichtteilnahme bezeichnet. Dabei werden keinesfalls nur kulturelle oder religiösbedingte Entschuldigungsgründe vorgebracht. Tendenz lustlos. Schulsport stößt besonders bei pubertierenden Mädchen aus vielen Gründen nicht gerade auf große Begeisterung. „Früher hatten die Mädchen ihre Tage, heute haben sie ihre Atteste“, stellt Diplomsportlehrerin Gaby Dresp, die an einem Berliner Gymnasium unterrichtet, ernüchtert fest. Die krankheitsbedingte Nichtteilnahme hat aus ihrer Beobachtung - und das bestätigen viele ihrer Kolleginnen - dramatisch zugenommen.

Schere zwischen Leistungsstarken und Leistungsschwachen geht immer weiter auseinander

Was ist da passiert? Sind Mädchen verletzungsanfälliger, Weicheier? Die These, dass eine sportive Gesellschaft nicht unbedingt eine sportliche Gesellschaft ist, belegt die Beobachtung der Sportlehrerin: „Die Schere zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Kindern, besonders Mädchen, geht immer weiter auseinander. Das hat aber nicht immer mit einem sozialen Gefälle zu tun.“ Was auch deshalb verwunderlich ist, weil viele Väter und Mütter selbst auf Bewegung und Gesundheitssport nicht verzichten wollen, dies bei ihren Kindern aber offensichtlich nicht so wichtig nehmen. „Wenn wir hier die Kinder und Jugendlichen übernehmen, dann ist es ja eigentlich schon zu spät, um sie ganzheitlich aufzubauen. Die Grundlagen müssen schon viel früher in Familie, Kindergarten und Grundschule gelegt werden. Es fehlt an den Grundkenntnissen, Koordination, Kraft, Belastungsfähigkeit und Ausdauer“, sagt Dresp. Es gibt Übungen, die sie zu Beginn ihres Berufslebens locker mit den Schülerinnen turnen konnte, die aber heute kaum noch machbar sind. „Selbst die Rolle rückwärts wird bei der einen oder anderen zum Risiko.“

Eigentlich war sie vor dreißig Jahren angetreten, um Schülern und Schülerinnen „nicht nur Spaß und Freude an der Bewegung, sondern ein lebenslanges Sporttreiben zu vermitteln“. Das werde immer schwerer. „Das zermürbende ist, dass man immer mehr Animationskünstler sein muss, immer wieder sagen muss, jetzt mach doch mal, es ist doch nicht so schwer, streng dich doch ein bisschen an.“

Doch gerade das ist das Problem. Anstrengen wollen sich viele - besonders wieder Mädchen - nicht. Sportarten wie Schwimmen, Turnen oder Leichtathletik erleben weiter einen Einbruch in der Beliebtheitsskala. Laufen? Igitt, da kommt man außer Puste, Springen? Bäh - alles voller Sand, Schwimmen? Da ist die Frisur im Eimer für den Rest des Tages...

Beim ersten Freund bleibt der Sport auf der Strecke

Gaby Dresp ist eine passionierte Lehrerin. So lässt sie sich denn auch nicht entmutigen: Sie bietet abwechslungsreichen, guten Unterricht, ist glücklich, wenn sie es schafft, dass sich die maulenden Mädels aufraffen, doch mitzuturnen und wenn vielleicht „zu Hause aus Figurgründen“ nach einem Video getanzt wird. Die Mädchen haben aber häufig andere Interessen. Wenn der erste Freund da ist, haben sie kaum noch Zeit zum regelmäßigen Basketball-AG-Termin, „und sie haben ein so überfrachtetes Freizeitangebot, da bleibt oft Sport auf der Strecke“, sagt  Lehrerin Dresp, die auch als Übungsleiterin beim TSV 1860 e. V. Spandau arbeitet. Ihre „Freund- und Reizüberflutungsthesen“ werden auch dort durch Zahlen belegt. In der Altersstufe zwischen 15 und 20 Jahre sind gerade mal rund 250 Mädchen und junge Frauen in dem 5.000 Mitglieder starken Verein gemeldet.

Nicht immer animiert Sportunterricht zum Sport: Wenn sich der Unterricht in ständigem „Ball über die Schnur“ erschöpft, die Lehrkraft erbrachte Leistungen nur zynisch kommentiert, wenn fachfremde Lehrerinnen gezwungener Maßen unterrichten müssen und inhaltlich nur mit skandinavischen Hacke-Spitze-Tänzen aufwarten, an die sie sich noch aus der eigenen Schulzeit vage erinnern können. Tendenz lustlos bei den jungen Mädchen! Kein Wunder. „Auch die Hochschulen sind gefordert“ meint Gaby Dresp, die an der Deutschen Sporthochschule Köln studierte. Die Anforderungen an die Anwärter und Anwärterinnen waren damals weitaus höher als heute.

Animation zu lebenslanger Bewegung

Mit Sport, so heißt es leichthin, könne man Kinder und Jugendliche immer erreichen. Auch das sei schwerer geworden, sagen Sportpädagogen. „Man ist auch Sozialarbeiter. Regeln im Umgang miteinander sind oft Fehlanzeige. Beispiel: Fünf sind begeistert beim Volleyballspiel. Die Sechste im Team hat keinen Bock, steht rum, geht nicht zum Ball, nörgelt unentwegt. Da muss man der jungen Dame dann schon mal erklären, was Teamgeist ist, was Verantwortung übernehmen heißt und Fairness bedeutet. Oder: Wenn das Team wartet, zwei aber nicht kommen, weil sie keine Lust haben, so muss das geklärt werden. Das ist unsoziales Verhalten“, sagt Dresp. Vielen sei auch gar nicht klar, das Sport ein versetzungsrelevantes Fach ist. Hat man da noch Lust, als Sportlehrerin zu arbeiten? Dresp: „Natürlich. Wir erleben ja nicht nur Frust, sondern täglich viele positive Dinge.“ Es gibt sie, die engagierten, sportlichen, aber auch bemühten sportwilligen Schülerinnen, die sich anstrengen, sich einbringen und mit großer Mühe versuchen eine Übung hinzukriegen. „Das versöhnt und erfreut“, sagt die Lehrerin. Wie die Turniererfolge oder die Tatsache, dass beim Sportabitur die Zahl der Mädchen  nicht rückläufig ist. Nach wie vor nehmen ein Drittel Mädchen daran teil.

Viele ihrer Schülerinnen sind auch immer ansprechbar, wenn es ums Organisieren von Turnieren oder anderen Sportveranstaltungen geht. Sie machen das alles in Eigenregie. „Wir besprechen das, sie werden von mir in Regelkunde eingeführt, wenn sie als Schiedsrichterinnen eingesetzt werden. Das klappt meist sehr gut“, freut sich Dresp. Und manche der Schülerinnen ist nicht selten im Verein im Einsatz - auch über die Schulzeit hinaus. „Sie haben bei ihren Schuleinsätzen gemerkt, dass sie das gut hinkriegen und bringen sich dann als Ehrenamtliche ein, weil sie es wollen, nicht weil jemand sagte, ihr müsst jetzt ein Amt anstreben“, berichtet die Lehrerin aus ihrer Erfahrung. Sie jedenfalls will weiter ihren Beitrag dazu leisten, will weiter Mädchen und junge Frauen animieren, lebenslang in Bewegung zu bleiben - in welcher Form auch immer.


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