Netzwerkprojekt für Migrantinnen angelaufen

Welcher Ort wäre für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) besser geeignet als eine Moschee, um sein neues Projekt zur Integration von Mädchen und Frauen mit Migrations-hintergrund in Sportvereine vorzustellen?

Das in einer Moschee vorgestellte Netzwerkprojektes richtet sich an Musliminnen und Frauen sämtlicher Nationalitäten
Das in einer Moschee vorgestellte Netzwerkprojektes richtet sich an Musliminnen und Frauen sämtlicher Nationalitäten

So geschehen in Köln-Niederkassel im Gotteshaus der türkisch-islamischen Gemeinde Selimiye Camii. „Bewegung und Gesundheit - mehr Migrantinnen in den Sport“ heißt das auf zweieinhalb Jahre angelegte Vorhaben, das für die Sportvereine im gesamten Bundesgebiet Vorbildcharakter haben soll und zugleich von strategischer Bedeutung ist. „Die Integration von Migrantinnen ist eines der großen Zukunftsthemen für unsere Vereine. Dieses Projekt richtet sich keineswegs nur an muslimische Mädchen und Frauen, sondern es ist offen für sämtliche Nationalitäten“, unterstrich Ilse Ridder-Melchers, die DOSB-Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung, bei der Präsentation im großzügigen Sportraum der Moschee.

Die Integrationsformel lautet „Sport plus x“

Im Kern geht es darum, in Kooperation mit insgesamt fünf Sportverbänden als Partnern, von denen wiederum jeder mit mindestens drei Vereinen verwoben ist, Integration vor Ort ganz praktisch zu leben. Das Besondere an den mehr als 45 „Einzelfallprojekten“, von denen die ersten jüngst starteten: Allesamt beinhalten nicht nur rein sportlich angelegte Kurse, sondern sind mit Zusatzangeboten durch externe Netzwerkpartner verbunden. „Dieses Zusatzangebot ist zwingend vorgeschrieben. Es ist unabdingbar und macht eine neue, bisher nicht gekannte Qualität aus“, erklärte Ridder-Melchers. „Sport plus x“, laute die griffige Integrationsformel, wobei das „X“ für ganz verschiedene Offerten stehen kann.

Im Deutschen Turner-Bund (DTB), der mit Vereinen in Hanau, Dreieich-Sprendlingen und Kesselstadt kooperiert, gehören neben dem Turnerischen bei den Kursen für die Mädchen und Frauen wie selbstverständlich Zusatzangebote wie „altersgerechte Entwicklung und Ernährung der Kinder“, „Bewegung und Körpererfahrung“ und „Informationen über das deutsche Gesund-heitswesen“ dazu. Der Deutsche Ju-Jutsu-Verband (DJJV) verknüpft seine Projekte in Berlin, Hamburg und Todtglüsingen im Landkreis Harburg in Niedersachsen mit Aufklärungsarbeit zum Beispiel in Bezug auf Sexualität und Fragen rund um die Schwangerschaft, mit Kompetenz-training (Bewerbungstraining, Berufsvorbereitung) und Informationen rund um die Gesundheit von Kindern (Tipps für Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen). Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) bietet im Zusammenspiel mit Vereinen in Lüchow-Dannenberg, Wolfsburg und Waldshut-Tiengen nahe der Schweizer Grenze die Ausbildung zur Schwimm-trainerin an sowie eine Erste-Hilfe-Ausbildung, ein Babysitter-Zertifikat sowie ein Sprachtraining. Ähnlich ausgerichtet ist das „Plus“ beim Landessport-Verband (LSV) Baden-Württemberg sowie bei der Sportjugend in Berlin, die mit vier Vereinen in Bad Cannstatt, Zuffenhausen, Stuttgart-Gablenberg und Untertürkheim bzw. mit Vereinen in Berlins sozialen Brennpunkt-Bezirken Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg zusammenarbeiten. Womit bei dem Gesamtprojekt zu Gunsten der Integration, das nicht ohne Netzwerkpartner wie Kulturvereine, Frauenhäuser, Volkshochschulen, muslimische Gemeinden, Gesundheitsämter, Integrationsbüros und Behörden auskommt, zugleich die fünf wichtigsten Partner des DOSB genannt wären: Es sind dies DTB, DJJV, DLRG, LSV Baden-Württemberg sowie die Sportjugend Berlin.

„Doppelansatz“ als Reflex auf eine Expertise

Dort stehen - auch dank finanzieller Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums - jeweils fünf halbe Stellen zur Verfügung, um das Netzwerk optimal und nachhaltig zu implantieren. Zum Konzept gehört außerdem die Organisation von zwei speziellen Fachtagungen in diesem und im nächsten Jahr, um die ganz praktischen Erkenntnisse aus dem Netzwerkprojekt „Bewegung und Gesundheit - mehr Migrantinnen in den Sport“ in die Breite zu tragen sowie die Erfahrungen bereits existierender, eher sportlich orientierter Kurse für Migrantinnen zu bündeln. Ziel dabei ist es, die besten Beispiele aus der Praxis in die Arbeit der Verbände und Landessportbünde zu übernehmen und künftig mit flächendeckenden, auf die Bedürfnisse dieser Klientel abgestimmten Angeboten aufzuwarten.

Der inhaltliche „Doppelansatz“ aus Sport plus Zusatzangebot des Netzwerkprojekts geht auf eine Expertise von Professorin Christa Kleindienst-Cachay von der Universität Bielefeld zurück. Die Wissenschaftlerin hat im Auftrag des DOSB eine Expertise zur Situation von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund im organisierten Sport vorgelegt. Die wichtigsten Ergebnisse: Nur jedes siebte dieser Mädchen ist in den Vereinssport eingebunden. Bei den 10- und 11-Jährigen ist es nur jedes fünfte Mädchen im Vergleich zu 58 Prozent bei den gleichaltrigen deutschen Mädchen. Weniger als ein Drittel der Mädchen mit Migrationshintergrund ist sportlich aktiv. Umgekehrt wünschen sich 45 Prozent von ihnen genau dies - Sport zu treiben und entsprechende Bedingungen dafür vorzufinden. Vor allem Selbstverteidigungs- und Kampf-sportarten sind sehr beliebt, wie die Studie zeigte. Hoch im Kurs stehen ebenfalls Ballsportarten, Gymnastik, Tanzen und Schwimmen. „Genau vor diesem Hintergrund haben wir unser Projekt angelegt und die Kooperationspartner ausgesucht“, sagte Ilse Ridder-Melchers. “Denn wir wollen Zielgruppen genau ansprechen.“

Integrationssport am besten schon im Kita- und Grundschulalter

Zudem gelte es, die Kombination aus sportlichen und qualifizierenden Angeboten möglichst schon sehr früh, am besten schon im Kindergarten- und Grundschulalter, an die Mädchen heranzutragen. Die Vorteile dieser Bemühungen liegen auf der Hand. Es entstehen soziale und interkulturelle Kontakte, die sozialer Isolation entgegenwirken. Parallel zu den persönlichen Erfahrungen in den Sportvereinen und den Möglichkeiten der Wissensvermittlung auf den verschiedensten Gebieten wie Sprache, Gesundheit oder Bewerbungstraining können sich neue Perspektiven eröffnen. Ridder-Melchers verhehlte keineswegs, dass es Zielsetzung sei, dass die Projektteilnehmerinnen anschließend von Vereinen auch für die ehrenamtliche Tätigkeit oder als Übungsleiterin gewonnen werden können. Die DOSB-Vizepräsidentin sprach in diesem Zusammenhang von der „schrittweisen Übernahme von Aufgaben“. Ein Effekt, der weit über den vordergründigen hinausgeht, „die persönliche Lebensqualität zu verbessern und soziale Kontakte aufzubauen“.

Bei der türkisch-islamischen Gemeinde in Köln fand das Netzwerkprojekt „Bewegung und Gesundheit - Mehr Migrantinnen in den Sport“ rundum ein positives Echo. „Sport für Mädchen und Frauen ist für uns kein Tabuthema. Im Gegenteil betrachten wir das als Möglichkeit, junge Menschen zu fördern“, betonte Bekir Albog, der Referatsleiter für die interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit der Türkisch-Islamischen Union in der Domstadt. „Wie heißt es im Deutschen so schön. Wo ein Wille ist, ist ach ein Weg. Unser Wille jedenfalls ist vorhanden.“


  • Das in einer Moschee vorgestellte Netzwerkprojektes richtet sich an Musliminnen und Frauen sämtlicher Nationalitäten
    Das in einer Moschee vorgestellte Netzwerkprojektes richtet sich an Musliminnen und Frauen sämtlicher Nationalitäten

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