Kati Wilhelm im Interview zum Frauensportaktionstag

Mit Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm als Botschafterin werden am 5. und 6. Mai bundesweit 65 Sportvereine - kleine und sehr große, im ländlichen Raum und in Großstädten - alles anbieten, was begeistert, gesund erhält und Gemeinsamkeit fördert.

In einem Interview spricht sie über ihre Motivation, den Frauensportaktionstag zu unterstützen.

Sie sind Botschafterin für den Frauen-Aktionstag des DOSB. Der DOSB möchte mehr Mädchen und Frauen für den Vereinssport gewinnen. Was können Sie in dieser Rolle dafür tun?

Ich hoffe, jungen Mädchen und Frauen ein gutes Beispiel dafür zu sein, dass Sport das Leben in vielerlei Hinsicht bereichert. Wichtig ist mir, dass das Ziel nicht in erster Linie der Leistungssport sein muss. Vielmehr geht es mir darum, grundlegende Werte des Sports zu vermitteln, die Mädchen und Frauen für sich persönlich nutzen können: selbstbewusster auftreten, sich auch mal durchkämpfen, über seinen eigenen Schatten springen, sich mit anderen messen. Ich hoffe, dass ich als Botschafterin des Frauen-Aktionstages mehr Mädchen und Frauen für den Sport gewinnen kann. Mir selbst hat er viel gegeben. Das kann auch für andere so sein.

Was ist das Faszinierendste an ihrem derzeitigen Beruf Leistungssportlerin?

Das Leben als Leistungssportlerin hat viele Reize: zum Beispiel an seine Grenzen zu gehen, zu erleben, was man mit hartem Training erreichen kann, sich mit Konkurrenten zu messen, nach Niederlagen wieder aufzustehen, sich jeden Tag wieder neu zu motivieren. Kurzum: für seine Ziele zu kämpfen, egal wie schlecht es manchmal läuft.

Frauen im Leistungssport sind längst ein normales Bild. Gibt es Dinge, die Sie anders angehen oder stärker beachten als Ihre männlichen Kollegen?

Vielleicht, dass die Wettkampfanzüge gut sitzen (lacht). Nein, im Ernst. So pauschal kann man diese Frage meiner Meinung nach nicht beantworten. Wir sind ja im Weltcup viel gemeinsam unterwegs, und da ist mir nicht aufgefallen, dass wir Frauen uns zum Beispiel in der Wettkampf-Vorbereitung großartig anders verhalten als die Jungs. Ich denke, das ist eher von Typ zu Typ unterschiedlich. Die einen sind super hektisch, die anderen werden vor Rennen ganz ruhig. Die einen entscheiden eher aus dem Bauch heraus, die anderen rationaler.

Ihre Sportart ist für Frauen ja noch recht jung und gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich Frauensport entwickeln kann. Fühlen Sie sich als Biathletin gleichberechtigt behandelt im Vergleich zu den Männern? Und war das immer so? Musste es erkämpft werden?

Heute sind wie glücklicherweise an einem Punkt, an dem wir gleichberechtigt behandelt werden. Das war aber in der Tat nicht immer so. Biathlon ist ja aus dem Militärsport entstanden – deshalb gab es in den ersten Jahren keine Frauen in der Sportart. Und als sie dann auf den Plan traten, war man noch weit weg von der heutigen Professionalität und öffentlichen Aufmerksamkeit. Damals sind die Zuschauer nach den Männerrennen gegangen – das sagt ja alles aus, oder? Die Wettkämpfe waren schlicht und ergreifend langweilig, weil einige in ihrer Entwicklung schon sehr weit waren, der Rest hinkte hinterher. Denken Sie an Petra Behle oder Uschi Disl in ihren Anfangszeiten – sie haben gute Leistungen gebracht und Erfolge gefeiert, ohne dass es jemand richtig wahrgenommen hätte. Das kam erst in der näheren Vergangenheit und hat heute seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Mussten Sie sich als Frau insgesamt mehr erkämpfen im Sport? Mehr Anerkennung?

Das habe ich nie bewusst wahrgenommen. Ich musste mich ja nicht mit männlichen Kollegen messen, sondern hatte „nur“ die Konkurrenz in meinem Team. Außerdem sind beide Mannschaften, Frauen und Männer, bisher sehr erfolgreich gewesen und haben dafür auch die entsprechende Anerkennung erhalten. Ich kann nicht sagen, dass ich es insgesamt schwerer hatte – nur weil ich eine Frau bin. In der Vergangenheit war das sicher ein bisschen anders. Angesichts dieser Tatsache bin ich sehr froh, in der heutigen Zeit Leistungssportlerin zu sein.

Wenn Sie an ihre ersten Begegnungen mit dem Sport denken, wie kamen sie zustande und was ist am stärksten in Erinnerung geblieben?

Die ersten Begegnungen mit dem Sport finden fast zwangläufig – wenn man in Thüringen aufgewachsen ist – auf Skiern statt. Das war auch bei mir so: Jedes Wochenende ging es mit der Familie auf die Piste. So war ich von Kindesbeinen an die Bretter gewöhnt. Gut in Erinnerung habe ich zum Beispiel noch meinen ersten Erfolg, ein erster Platz bei der „Kreisspartakiade“. Da war ich ungefähr sieben und habe eine rote Mütze gewonnen, auf der „1. Wahl“ stand. Ich glaube, das habe ich, noch auf dem Podium stehend, meiner Mutter voller Stolz zugerufen.

Haben Sie jemals an ein Leben ohne Sport gedacht? Können Sie sich das überhaupt vorstellen?

Ja, es gab mal einen Moment, an dem ich mit dem Thema „Leistungssport“ fast schon abgeschlossen hatte. Damals, ich war in der 7. Klasse, wurde mir wegen einer leichten Fehlstellung der Wirbelsäule zunächst der Übertritt in die Sportschule verwehrt. Auf einmal standen die Ärzte vor meiner Tür und gaben mir das ok – regelmäßiger Sport sei wohl doch ganz gut für meinen Rücken und die etwas dünn besetzte Klasse an der Sportschule könnte zudem noch eine weitere Kollegin gebrauchen. Auf den Sport möchte ich, zumindest derzeit, nicht verzichten. Mein Leben war seit meiner Kindheit auf den Sport ausgerichtet und das, was ich für meine Karriere getan habe, hat mir immer Spaß gemacht – so ist es heute noch. Daher gibt es für mich keinen Grund, mit dem Leistungssport aufzuhören und etwas anderes zu machen. Wenn irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich sagen kann: „Das war`s für mich“, dann werde ich sicher meinen Lebensmittelpunkt auch woanders haben können. Das muss aber nicht heißen, dass ich mich komplett vom Sport verabschiede.

Was würden Sie am meisten vermissen, wenn Sie keinen Sport treiben würden?

Fehlen würde mir sicher das Reisen, auch wenn das Koffer aus- und zusammenpacken manchmal lästig ist. Wenn ich mal länger an einem Ort bin, werde ich irgendwann ungeduldig und es kribbelt in mir. Dann würde ich natürlich die Menschen vermissen, mit denen ich täglich zu tun habe: mein Team, die Trainer und Betreuer – einfach alle, die mich während der Wettkämpfe begleiten. Ein dritter Punkt ist der Kick, den mir der Sport gibt: Herausforderungen annehmen, Ziele erreichen, erfolgreich sein.

Nehmen Sie das auch an Positivem mit in den Alltag?

Ja. Zum Beispiel die Bestätigung, dass man alles erreichen kann, wenn man dafür kämpft und an sich glaubt. Die notwendige Gelassenheit, wenn man Niederlagen einstecken muss. Die Motivation, niemals Selbstzufriedenheit aufkommen zu lassen und immer wieder aufzustehen. Den Willen, konsequent in seinen Entscheidungen zu sein.

Was kann Sport speziell Frauen vermitteln, was ihnen vielleicht sonst im Alltag nicht begegnet?

Ich bin schon der Meinung, dass Sport ein Mittel sein kann, Kontakte zu knüpfen und Menschen offener zu begegnen. Mit dem Sport hat man ein gemeinsames „Thema“, das senkt die Hemmschwelle und öffnet für Kommunikation. Speziell für Mädchen und Frauen, die etwas zurückhaltender sind, kann Sport ein Gewinn sein – nicht nur sozial, sondern auch was Durchsetzungsvermögen und Motivation betrifft.

Was würden Sie denn einer Nicht-Sportlerin sagen, um ihr die Freude an Sport und Bewegung schmackhaft machen?

Ich würde ihr sagen: Probiere es aus und du wirst dich besser fühlen. Such dir einen Sport aus, an dem du Spaß hast und übertreibe es am Anfang nicht mit dem Training. Am besten, du treibst Sport in der Gruppe. So ungefähr…Ich glaube es ist wichtig, Spaß zu vermitteln, weil ohne die Freude an der Bewegung lässt die Motivation schnell nach.

Das Motto des Aktionstages heißt aber auch: Frauen tun dem Sport gut. Können Sie das aus dem Alltag der Leistungssportlerin bestätigen?

Nur Männer? Das wäre ja langweilig. Zumindest für die eine Hälfte der Bevölkerung… Nein, im Ernst: Klar tun Frauen dem Sport gut. Sie bringen eine weitere Facette ins Spiel, nicht nur optisch. Allerdings ist es nicht ganz einfach zu sagen, was genau das ausmacht. Auf sportlicher Ebene arbeiten wir Frauen genauso professionell wie die Männer, trainieren genauso hart – da sehe ich keinen Unterschied. Ich denke, wir bereichern den Sport durch unsere eigene Art, Dinge zu sehen, zu interpretieren oder mit ihnen umzugehen. Wobei es unter uns natürlich individuell auch Unterschiede gibt….

Interview: Ulrike Spitz

 



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