„Für die Zielgruppe Frauen muss sich der Sport noch mehr öffnen“

Die Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung des Deutschen Olympischen Sportbundes Ilse Ridder-Melchers zur Frauen-Vollversammlung vom 26. bis 28. Spetember in Halle an der Saale.

Ilse Ridder-Melchers
Ilse Ridder-Melchers

DOSB PRESSE: Frauen und Mädchen sind eine Macht im organisierten Sport, aber immer noch unterrepräsentiert in den Führungsgremien. Wie sieht das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern insgesamt aus, wie ist die Repräsentanz in den Vorständen und Präsidien?

RIDDER-MELCHERS: Die 40% Frauen und Mädchen prägen heute das Bild des Deutschen Olympischen Sportbundes und haben es bunter, vielfältiger und interessanter gemacht. 670.000 weibliche Ehrenamtliche - oder in Prozenten ausgedrückt 32% - engagieren sich als Übungsleiterinnen, Schieds- und Kampfrichterinnen sowie in den Vereinsvorständen, Tendenz steigend. Bei den Olympischen Spielen in Peking lag jetzt der Anteil der Athletinnen bei 45%. Also insgesamt sehr erfreuliche Entwicklungen. Nur in den Führungsetagen gibt es zu wenig Bewegung: In den Präsidien der Landessportbünde sind es 20,3% Frauen, in den Spitzenverbänden 11,2% und in den Verbänden mit besonderen Aufgaben 20,7%. Auch Frauen als Vereinsvorsitzende sind noch Mangelware. Wir stellen uns damit nicht an die Klagemauer, sondern fordern mehr gemeinsames Engagement von Frauen und Männern, sich dem Thema anzunehmen.

DOSB PRESSE: Was sind die Gründe dafür? Was tun der DOSB und die Mitgliedsverbände, um mehr Frauen in Führungsämter zu holen?

RIDDER-MELCHERS: Es gibt heute eigentlich kaum „sichtbare“ Barrieren mehr, in der Wissenschaft spricht man von den „ Gläsernen Decken.“ Aber natürlich gibt es Faktoren und Prozesse, die unsichtbar, aber sehr effektiv den Weg für Frauen an die Spitze verhindern. Eine aktuelle Untersuchung über ehrenamtliche und hauptamtliche Führungskräfte im 3. Sektor kommt zum Ergebnis, dass sich Qualifikationen und Motive von Frauen und Männern stark angeglichen haben. Allerdings sind Frauen in Führungspositionen seltener als Männer verheiratet und haben seltener Kinder. Immer noch müssen sich Frauen trotz Beruf und Ehrenamt um die Kinderbe-treuung kümmern. Beruf, Familie und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen, bleibt dann die große Kunst. Sportorganisationen sollten daher z.B. Wahlverfahren für ehrenamtliche Ämter transparenter gestalten, ehrenamtliche Funktionen mit einem klaren Aufgabenprofil und auf einen klaren Zeitraum begrenzen, damit u.a. auch Quereinsteigerinnen ein Einstieg ermöglicht wird. Sitzungen sollten zu familienfreundlich Zeiten anberaumt werden. Ich freue mich darüber, dass eine ganze Anzahl von Verbänden gezielte Projekte zur Gewinnung, Einbindung und Förderung von Frauen durchführen. Dass dabei die Frauenvertreterinnen der Motor der Entwicklung sind, ist für die Sportorganisationen von unschätzbarem Wert.

DOSB PRESSE: Wichtige Weichen für die Zukunft sollen am kommenden Wochenende bei der Frauenvollversammlung des DOSB in Halle an der Saale gestellt werden. Wie sieht das Programm aus, was erwartet die Delegierten in Halle?

RIDDER-MELCHERS: Wir stehen heute vor vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen, die globalen und finanziellen Rahmenbedingungen und die demographische Entwicklung verändern sich gewaltig. Die Deutschen werden weniger, älter und internationaler sagen die Prognosen. Wir stellen uns in Halle auf der Frauen-Vollversammlung diesen Herausforderungen. Wir wollen wissen, wie wir Gleichstellung und Vielfalt in unseren Sportorganisationen ausbauen und sichern können. Frauen sind die eine große Zielgruppe, für die sich der Sport noch mehr öffnen muss. Außerdem kann der Sport als Spiegelbild der modernen Gesellschaft seine Schlüsselfunktion beweisen und besonders noch sportferne Gruppen durch und mit Sport integrieren. Die beiden Strategien Gender und Diversity können helfen, die richtigen Fragen zu stellen, nach den Zielgruppen, nach den Angeboten, nach den Führungspotentialen, nach den Ausbildungsprofilen, nach qualifizierter Jungen- und Mädchenarbeit und der Öffnung für sportferne Gruppen. Ganz praktische Erfahrungen mit Gender- und Diversity-Trainings stehen mit auf der Tagesordnung.

DOSB PRESSE: Welche Signale für die zukünftige Arbeit erwarten Sie von diesem wichtigen Treffen in Halle?

RIDDER-MELCHERS: Ich will und kann der Konferenz nicht vorgreifen. Wir haben namhafte Wissenschaftlerinnen und Vertreterinnen der Wirtschaft eingeladen, um aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis in unsere Arbeit mit einzubeziehen. Wir wollen aber auch die Vernetzung mit Frauen aus diesen gesellschaftlichen Bereichen weiter ausbauen. Mit unserem DOSB-Präsidenten Dr. Thomas Bach und dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, Dr. Theo Zwanziger, werden wir diskutieren, wie wir gemeinsam Geschlechter-gleichstellung und Vielfalt im Sport erfolgreich umsetzen können. Dabei ist der Fußball ein besonderes interessantes Beispiel, nicht zuletzt dafür, wie erfolgreich eine Top-Down-Strategie ist: viele Jahrzehnte mussten Frauen im männlich dominiertem Fußballsport um ihre Teilhabe kämpfen. Mit Unterstützung eines engagierten Präsidenten geht heute vieles leichter.

DOSB PRESSE: Sie haben sich jüngst in einem Interview noch einmal zur Quote bekannt? Quote auch für den Sport?

RIDDER-MELCHERS: Ich kenne die Vorbehalte. Aber: Wir haben im Sport viele qualifizierte Frauen und erfolgreiche Spitzensportlerinnen. Es bewegt sich aber viel zu wenig und zu langsam. Für mich ist es kein Trost, dass es in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in den Medien z. T. noch viele schlechter mit der Repräsentanz von Frauen aussieht. Präsidien ohne Frauen dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben. Und da stellt sich für mich die Frage: wenn alle schönen Appelle nichts nutzen, müssen wir dann nicht auch im Sport mit Quote oder Quorum dem Fortschritt Beine machen? Dabei ist die Quote kein Allheilmittel. Wichtig sind ein frauenfreundliches Klima, notwendige Rahmenbedingungen und eine entsprechende Begleitung von erfahrenen Führungskräften an ihrer Seite.


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