Frauen als Schlüssel zur Problemlösung für Vereine

Vereine mit höherem Frauenanteil im Vorstand sind ein Gewinn für die Zukunft des organisierten Sports, sagt Dr. Petra Tzschoppe im Interview mit dem Deutschen Tischtennis-Bund zum Thema Mädchen- und Frauenförderung.

Dr. Petra Tzschoppe ist Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung im DOSB. Foto: DOSB/Torsten Silz
Dr. Petra Tzschoppe ist Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung im DOSB. Foto: DOSB/Torsten Silz

Die DOSB-Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung forscht und lehrt an der Uni Leipzig in Sportsoziologie und Sportgeschichte unter anderem im Bereich Frauen- und Geschlechterforschung und befindet über Tischtennis: „Eine attraktive Sportart, bei der es nicht in erster Linie auf Kraft ankommt, eine Sportart ohne Körperkontakt – eigentlich genau das, was viele Mädchen und Frauen im Sport bevorzugen.“ Und trotzdem sind nur 20 Prozent der Tischtennisspieler in deutschen Vereinen weiblich. Im Interview geht Dr. Tzschoppes Analyse auch über das schnellste Rückschlagspiel der Welt hinaus.

Frage: Frau Tzschoppe, Sie sind Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung im DOSB. Was ist Ihre Hauptaufgabe in dem Amt?

Dr. Petra Tzschoppe: In erster Linie geht es darum, die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern im Sport zu fördern. Für dieses Ziel gilt es im Präsidium des DOSB, aber auch gemeinsam mit den Sprecherinnen der Frauenvollversammlung in Richtung unserer Mitgliedsorganisationen zu wirken. Dazu gehören auch Kontakte und Kooperationen mit anderen gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen. An der Tätigkeit im Präsidium des DOSB schätze ich, dass wir wirklich als Mannschaft agieren. Die Entscheidungen zur inhaltlichen wie sportpolitisch-strategischen Ausrichtung des DOSB treffen wir gemeinsam, und Gleichstellungsbelange sind in allen Feldern mit zu bedenken.

Der Tischtennissport hat leider mit abnehmenden Mitgliederzahlen vor allem bei den Mädchen und Frauen zu kämpfen. Nur 20 Prozent unserer gut 600.000 Mitglieder sind weiblich. Etwas Hoffnung geben uns die Zahlen im Bereich des jungen Engagements, wo wir unter anderem bis zu 40 Prozent an weiblichen Teilnehmern von Kindertrainerausbildungen aufweisen. In anderen Sportarten sieht es prozentual von der Mitgliederzahl dennoch deutlich besser aus. Welche Erklärungen gibt es generell für solche Unterschiede?

Warum wer welchen Sport betreibt, dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. So haben Sportarten in verschiedenen Ländern unterschiedliche Traditionen. Einfluss hat ebenso, wie Sportarten zu den jeweiligen gesellschaftlichen Rollenbildern für Frauen und Männer passen. Auch mit medialer Präsenz kann Interesse geweckt werden. Und schließlich spielen ganz individuelle Vorlieben und Sportmotive eine Rolle. Der relativ geringe Anteil weiblicher Mitglieder im Deutschen Tischtennis-Bund ist mir vor einigen Jahren erstmals aufgefallen und hat mich sehr überrascht. Eine attraktive Sportart, bei der es nicht in erster Linie auf Kraft ankommt, eine Sportart ohne Körperkontakt – eigentlich genau das, was viele Mädchen und Frauen im Sport bevorzugen. Ich hätte eine ausgewogene Geschlechterverteilung erwartet, stattdessen nur ein Fünftel weiblicher Mitglieder. Wieso? Mag sein, dass sich Mädchen schon beim Zugang zur Sportart Tischtennis etwas schwerer tun. Welche weiblichen Vorbilder kennen sie, denen sie nacheifern könnten? Mein Eindruck ist auch, dass an Tischtennisplatten auf Schulhöfen oder in Parks überwiegend Jungen die Kelle schwingen, so wie sie generell bei Bewegungsaktivitäten im öffentlichen Raum dominieren. Möglicherweise gibt es auch noch nicht ausreichend Angebote für diejenigen, die zwar gern spielen, aber nicht ambitioniert an Wettkämpfen teilnehmen wollen? Wie halten wir diese dennoch im Verein? Vielleicht sind solche Breitensportangebote bzw. -spielklassen mit leichterer Ausführung für Ältere oder Gesundheitssportangeboteschon vorhanden, aber nicht hinreichend bekannt? Umso wichtiger, dass der DTTB jetzt sein Augenmerk verstärkt auf die Förderung von Mädchen und Frauen richtet, die dafür entwickelten Standards für Vereine und Verbände weisen einen richtigen Weg.

Wie ist es Ihrer Meinung generell um die Partizipation von Frauen in der deutschen Sportlandschaft bestellt, was sowohl das aktive Sportreiben als auch die Funktionärsebene betrifft?

Gut ist es um die aktive Sportausübung bestellt. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen. Lag zur Gründung des DSB 1950 der Anteil weiblicher Mitglieder in den Sportvereinen bei lediglich zehn Prozent, ist er mittlerweile auf ca. 40 Prozent angestiegen. Dazu haben vielfältige, nicht ausschließlich wettkampforientierte Angebote der Vereine maßgeblich beigetragen. Laut DOSB-Bestandserhebung sind aktuell fast zehn Millionen Mädchen und Frauen in Sportvereinen. Unterschiede in den Altersgruppen zeigen aber auch, dass wir gerade bei den Frauen im jungen und mittleren Erwachsenenalter weiterhin großes Zuwachspotenzial haben. Weniger gut sieht es noch immer hinsichtlich der Partizipation von Frauen in Führungspositionen des Sports aus. Je höher das Amt, desto seltener wird es von einer Frau ausgeübt. Für die Zahl der Präsidentinnen in den Spitzenverbänden braucht man nicht einmal die Finger einer Hand, der Frauenanteil in den Präsidien liegt unter 20 Prozent. Dass hier Handlungsbedarf besteht ist offensichtlich, dies wurde im Rahmen des letztjährigen Gleichstellungsberichtes von mehr als der Hälfte der Verbände bekräftigt. Ich denke, dies sieht auch das Präsidium des DTTB so.

Warum sollte man sich dafür einsetzen, dass Frauen und Mädchen auch stärker in Funktionsämtern im Verein und Verband, Abteilungsleitung oder Jugendleitung eingesetzt werden?

Dr. Tzschoppe: Vereine und Verbände, die sich zukunftsorientiert aufstellen wollen, brauchen dazu das Engagement und die Kompetenzen vieler. Der gerade veröffentlichten Sportentwicklungsbericht 2013/14 weist als größtes, existenzbedrohendes Problem der Vereine die Gewinnung und Bindung ehrenamtlicher Funktionsträger/innen aus. Diese Herausforderung werden Vereine und Verbände nur meistern, wenn sie kluge Personalentwicklung betreiben und das Potenzial von Frauen und Mädchen viel stärker als bisher nutzen. Wir wissen auch aus den Sportentwicklungsberichten, dass Vereine mit höherem Frauenanteil im Vorstand weniger existenzielle Probleme beklagen. Vielfalt erweist sich also als Gewinn für die Zukunft des organisierten Sports.

Welche Bedeutung können Ihrer Meinung nach Vereine generell für Mädchen und Frauen einnehmen?

Sportvereine bieten vieles, was in anderen Lebensbereichen so kaum zu finden ist: körperliche Bewegung, Spannung und Entspannung sowie Gemeinschaftserlebnisse mit ganz realen Freundinnen und Freunden. Vereine tragen also erheblich zum physischen, psychischen und sozialen Wohlbefinden jedes Einzelnen und zum sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft bei. Sie sind ganz wichtige Gelegenheiten zum informellen Lernen. In diesen Punkten sehe ich die Bedeutung für Frauen und Männer, Mädchen und Jungen gleichermaßen. Möglicherweise können aber gerade Mädchen und Frauen, die sich zunächst weniger zutrauen, denen die eigenen Fähigkeiten und Stärken kaum bewusst sind, im Verein profitieren und an Selbstsicherheit gewinnen.

Wie ist es Ihrer Meinung nach aktuell um die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen im deutschen Sport bestellt und was muss in Zukunft noch getan werden? Der DOSB hatte eine 30-Prozent-Quote für seine Gremien eingeführt. Wie lautet hier die erste Bilanz?

In der Tat war die Einführung der Geschlechterquote mit der neuen Satzung des DOSB im Dezember 2014 ein prägnanter Schritt, dem andere wegweisende Schritte vorausgegangen waren. Noch wichtiger als dieser einstimmige Beschluss wird aber die Umsetzung sein. Für eine Bilanz hierzu ist es nach einem dreiviertel Jahr wohl etwas früh. Zumindest für den DOSB und die durch ihn zu besetzenden Gremien kann ich konstatieren, dass die Quote, soweit bis heute möglich, erfüllt wird. Nun gilt es aber, dies auszugestalten. Da sind wir wieder bei der Eingangsfrage nach den Hauptaufgaben im Amt. Es geht darüber hinaus auch um Aktivitäten etwa im Bereich Trainerinnen oder Schieds- und Kampfrichterinnen und darum, in die Mitgliedsorganisationen auszustrahlen. Oder auch darum, gute Erfahrungen und positive Beispiele aus den Verbänden, so wie die aktuelle Initiative des DTTB aufzugreifen und für andere nutzbar zu machen. Lassen Sie uns doch gern in drei Jahren gemeinsam bilanzieren, wie wir bei unseren Vorhaben vorangekommen sind.

(Quelle: Die Fragen stellte der DTTB)


  • Dr. Petra Tzschoppe ist Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung im DOSB. Foto: DOSB/Torsten Silz
    Dr. Petra Tzschoppe ist Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung im DOSB. Foto: DOSB/Torsten Silz

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