Es gibt nicht "die türkische Frau" - Interview mit Prof. Kleindienst-Cachay

Prof. Christa Kleindienst-Cachay lehrt an der Universität Bielefeld und beschäftigt sich seit 1996 Schwerpunkt mäßig mit dem Themenkomplex „muslimische Frauen". Die Erziehungswissenschaftlerin untersucht bei den Auswirkungen des Sports auf die Integration hauptsächlich die Aspekte des Spitzensports.

Prof. Christa Kleindienst-Cachay, Foto: Universität Bielefeld
Prof. Christa Kleindienst-Cachay, Foto: Universität Bielefeld

   Welchen Beitrag leistet der Sport generell zur Integration und welchen speziell für türkisch-muslimische Mädchen und Frauen?

 

Prof. Christa Kleindienst-Cachay: Die Frage nach der Integration kann immer nur für eine bestimmte soziale Gruppe beantwortet werden, ich werde sie im Folgenden für muslimische Mädchen, die Töchter von Arbeitsmigranten sind, beantworten. Zweitens: Da es „den" Sport nicht gibt, sondern Sport in vielen sozialen Kontexten und unter höchst verschiedenen individuellen Sinnperspektiven betrieben wird, kann man diese Frage wiederum nur im Hinblick auf einen ganz bestimmten Bereich des Sports beantworten. Ich habe in meinen Untersuchungen überwiegend Mädchen und Frauen befragt, die sich im wettbewerbsmäßigen Sport engagieren, und zwar vor allem im Bereich des Hochleistungssports in deutschen oder multiethnisch geprägten Sportvereinen.

 

"Der Sport ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, der zur Integration beitragen kann, andere Bereiche müssen sich hier ebenfalls engagieren, wenn es unserer Gesellschaft ernst ist mit der Integration."

 

Dieses soziale setting, das durch regelmäßiges, höchst zeitintensives Training und durch Wettkämpfe, bei denen man sowohl gewinnen als auch verlieren, also scheitern kann, gekennzeichnet ist, und das als Eintrittsvoraussetzungen ein erhebliches motorisches Leistungsniveau fordert, hat für die von mir befragten Frauen durchaus positive Effekte im Hinblick auf eine Integration in die Aufnahmegesellschaft. Diese Effekte liegen vor allem im Bereich sozialer Anerkennung durch das deutsche und türkische Umfeld, der Einbindung in Freundschaftsnetzwerke mit deutschen Jugendlichen und Erwachsenen und der Teilhabe an der Selbstverwaltung des Sports (einige von ihnen sind Übungsleiterin, Trainerin, Kampfrichterin bzw. haben Ämter in der Vereinsführung).

Ferner wirkt ein solch intensives Sportengagement auch positiv auf die Sprachkompetenz, das Bildungsaspirationsniveau und die Identifikation mit dem Aufnahmeland, alles Faktoren, die Voraussetzungen darstellen, für eine echte Teilhabe an der Aufnahmegesellschaft. Als persönlichen Gewinn verbuchen die befragten Frauen sowohl die verbesserte Integration als auch ein erhöhtes Selbstwertgefühl. Als besonders wertvoll erachten sie, dass es der von ihnen betriebene Sport erlaubt, sich als moderne, leistungsstarke und höchst erfolgreiche junge Frau zu präsentieren, die gleichwohl bestimmten Traditionen und Wertvorstellungen der eigenen Ethnie verpflichtet ist und zu diesen auch in der Öffentlichkeit steht, also dass der Sport gleichsam eine Balance herzustellen erlaubt zwischen verschiedenen Kulturen und dass dieses „Dazwischen" für sie durchaus nichts Negatives an sich hat.

Ob und inwiefern ähnliche Effekte aus einem breitensportlichen Engagement hervorgehen, kann so einfach nicht gesagt werden. Auf jeden Fall muss eine gewisse Regelmäßigkeit des Sporttreibens und eine gewisse zeitliche Dauer des Sportengagements in einer Gruppe, in der deutsche Frauen und Frauen anderer Ethnien zusammen aktiv sind, vorliegen, damit sich integrative Effekte einstellen können.

 

   Stellt der Glauben einen massiven Hinderungsgrund bei der Ausübung von Sport dar?

 

Prof. Christa Kleindienst-Cachay: Der Glaube an sich (also bloße Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion) stellt keinen Hinderungsgrund dar, wohl aber die Intensität, mit der in der Herkunftsfamilie religiösen Praktiken gefolgt wird, und welche Folgerungen sich daraus für die Grundsätze im Hinblick auf die Erziehung der Töchter ergeben. Bestimmte Gebote wie z.B. die Trennung der Geschlechter und das Verhüllungsgebot stellen durchaus Hemmnisse für den Zugang zum Sport dar, allerdings gibt es, wie viele Beispiele türkisch-muslimischer Sportlerinnen hier in Deutschland zeigen, viele Spielarten der Auslegung dieser Gebote. Innerhalb der Gruppe muslimischer Frauen und Mädchen gibt es in Deutschland eine enorme Bandbreite im Verhalten! Wir sollten uns von der Vorstellung von „der türkischen Frau" freimachen. Außerdem stellt auch das Tragen eines Kopftuches und langer Hosen keinen Hinderungsgrund dar für ein Sportengagement. In Kampfsportarten, wie z.B. Karate und Teakwondo, die häufig von türkischen Mädchen als Sportart gewählt werden, bietet die Sportkleidung keinen Anlass zu Konflikten mit religiösen Geboten. Größere Probleme gibt es vor allem beim Schwimmen sowie bei all jenen Sportarten, bei denen im Wettkampf „knapp sitzende" Sportkleidung verlangt wird.

 

 

   Welche Maßnahmen können im Sport verstärkt werden, um jungen Türkinnen den Zugang zur deutschen Gesellschaft zu erleichtern?

 

Prof. Christa Kleindienst-Cachay: Der Sport ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, der zur Integration beitragen kann, andere Bereiche müssen sich hier ebenfalls engagieren, wenn es unserer Gesellschaft ernst ist mit der Integration. Für alle Mädchen mit Migrationshintergrund und speziell für junge Türkinnen gilt es, Bewegung, Spiel und Sport schon in der Kindheit zu einer Lebensgewohnheit zu machen. Jene Sportverbände, die traditionsgemäß dem Kindersport verpflichtet sind, wie z.B, der Turnerbund, sollten sich verstärkt um die Mädchen im Kindergarten- und Grundschulalter kümmern, damit schon im Kindesalter, das für Bewegung, Spiel und Sport besonders empfänglich ist, Gewohnheiten erzeugt werden. Sobald die Mädchen in die Pubertät kommen, ist ein reines Mädchensportangebot, das von einer Übungsleiterin geleitet werden muss, angezeigt. Präferierte Sportarten sportiver türkisch-mulimischer Mädchen sind bislang Kampfsportarten, Fußball, aber auch andere Ballsportarten. Generell zeigen Migrantinnen, wie Befragungen ergeben haben, Interesse an Kursen in Selbstverteidigung.

Darüber hinaus müssen Übungsleiterinnen, Trainerinnen und Funktionsträger im Verein mehr Informationen darüber bekommen, was die Hinderungsgründe für Migrantinnen sein könnten, zum Sport zugelangen, um entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Und: innerhalb des Sportsystems ist die Akzeptanz für muslimische Mädchen und Frauen zu erhöhen, auch wenn sich diese Frauen in manchen Einstellungen und Praktiken von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden! Dem Stigma einer „Problemgruppe" muss bewusst entgegengetreten werden, vielmehr muss an dem, was die Mädchen und Frauen über die ethnischen Differenzen hinweg miteinander verbindet, angesetzt werden, und dies liegt z.B. im gemeinsamen Interesse am Sport, am Spaß an der Leistungsverbesserung und auch im Wettkampf. Im Hinblick auf solche Veränderungsprozesse sind auf der oberen Ebene zunächst die Sportverbände wie auch Institutionen der Sportpolitik angesprochen, auf einer Ebene darunter all jene Personen, die mit Kommunikations- und Interaktionsprozessen im Sport befasst sind, nämlich ÜbungsleiterInnen, TrainerInnen, Sportfunktionäre, aber auch SportjournalistInnen, die in hohem Maße meinungsbildend wirken können.

 

   Gibt es darüber hinaus Initiativen oder Ideen wie Workshops oder öffentliche Veranstaltungen, mit denen auf die Situation aufmerksam gemacht werden soll?

 

Prof. Christa Kleindienst-Cachay: Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrer sind diejenige Personengruppen, die für Werbemaßnahmen für den Sport von jungen Migrantinnen an ihrer jeweiligen Schule verstärkt gewonnen werden müssten. An vielen Schulen läuft hier Vorbildliches. Da Mädchen mit Migrationshintergrund selten von ihren Eltern in einem Sportverein angemeldet werden, ist der Schulsport und hier eben auch der AG-Bereich, der wichtigste Ort, für sie, an dem Sportmotivation erzeugt werden kann. Da die Mehrzahl der jungen Migrantinnen die Hauptschule besucht, muss der Schulsport vor allem dort finanziell, personell und ideell stärker unterstützt werden! Dies würde allen Schülerinnen dort zu gute kommen und die Integration verschiedener Ethnien innerhalb der Schule fördern!

Um die Eltern über die Bedeutung von Spiel und Sport für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, und speziell auch der Töchter, zu informieren und Überzeugungsarbeit zu leisten, ist es nötig, dass alle Gruppen pädagogischer Berufe noch mehr als bisher Elternarbeit in diesem Bereich leisten.

Und: Migrantinnen unter den Sportlerinnen müssen als sportliche Vorbilder eingesetzt werden. Es fehlen uns im Sport, wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, die „Grenzgänger", die den nachfolgenden Altersgruppen als Modelle für Integration dienen können. Dies gilt insbesondere für Funktionsrollen im organisierten Sport, die künftig vermehrt mit Migrantinnen besetzt werden müssen, damit Partizipationsmöglichkeiten an der Zivilgesellschaft geschaffen werden, eine wesentliche Voraussetzung für Integration! Zu denken ist hier auch an die Qualifizierung von Migrantinnen zu Übungsleiterinnen. Dies geschieht am sinnvollsten aus den Reihen der aktiven Sportlerinnen heraus.

Schließlich müssten jene Sportvereine, die jetzt schon vorbildliche Arbeit in der Förderung von Migrantinnen leisten, stärker unterstützt werden. Ähnliches gilt für Schulen und Jugendzentren, speziell Mädchenzentren, die sich intensiv um Bewegung, Spiel und Sport von Mädchen mit Migrationshintergrund bemühen.


  • Prof. Christa Kleindienst-Cachay, Foto: Universität Bielefeld
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